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XXXIII b. Ich wil immer singen

Von

I

Ich wil immer singen
dîne hôhen wirdekeit
und an allen dingen
dînen hulden sîn gereit.
Vrouwe, ich kan niht wenken

hâstu tugende und êren vil,
daz wolte ich und immer wil.

II

Sie sint unverborgen,
vrouwe, swaz du tugende hâs.
den âbent und den morgen
sagent si allez, daz du begâs.
Dîne redegesellen
die sint, swie wir wellen,
guoter worte und guoter site.
dâ bist du getiuret mite.

III

Vrouwe, ich wil mit hulden
reden ein wênic wider dich.
daz solt dû verdulden.
zürnest dû, sô swîge aber ich.
Wilt du dîner jugende
kumen gar zuo tugende,
sô tuo vriunden vriuntschaft schîn,
swie dir doch ze muote sî.

IV

Nieman sol daz rechen,
ob ich hôhe sprüche hân.
wâ von sol der sprechen,
der nie hôhen muot gewan?
Ich hân hôchgemüete.
vrouwe, dîne güete,
sît ich die alrêrst sach,
sô weste ich wol, waz ich sprach.

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Gedicht: XXXIII b. Ich wil immer singen von Heinrich von Morungen

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „XXXIII b. Ich wil immer singen“ von Heinrich von Morungen ist eine Lobpreisung und Huldigung an eine namenlose „Vrouwe“, eine edle Dame, die als Inbegriff von Tugend und Anmut dargestellt wird. Das Gedicht gliedert sich in vier Strophen, die jeweils verschiedene Aspekte der Verehrung der Dame beleuchten. Die Sprache ist durchgehend höfisch und von den konventionellen Elementen der Minne geprägt, die auf Tugend, Verehrung und die Unterwürfigkeit des Sängers gegenüber der Angebeteten abzielen.

In der ersten Strophe äußert der Dichter seinen unerschütterlichen Wunsch, die „hohen wirdekeit“ (hohe Würde) der Dame zu besingen und ihr in allem „gereit“ (bereit) zu dienen. Er betont seine Unfähigkeit, sich von dieser Hingabe zu lösen, da die Dame so viel Tugend und Ehre besitzt. Dies etabliert das zentrale Thema der unbedingten Verehrung und des Lobes, das sich durch das gesamte Gedicht zieht. Der Dichter stellt sich als Diener dar, dessen Existenz von der Güte der Dame abhängt.

Die zweite Strophe hebt die Offenheit der Tugenden der Dame hervor, die „unverborgen“ sind und durch die Tage hinweg, „den âbent und den morgen“, von allen gesehen und erzählt werden. Dies deutet auf die allgemeine Anerkennung und Bewunderung der Dame in der höfischen Gesellschaft hin. Ihre Worte und ihr Verhalten werden als Quelle guter Sitten und Worte gelobt, was ihre Vorbildfunktion unterstreicht. Der Dichter verbindet hier das äußere Erscheinungsbild der Dame mit ihrem inneren Wert, wodurch die Qualität ihrer „güete“ (Güte) hervorgehoben wird.

Die dritte Strophe wechselt zu einer direkteren Ansprache, in der der Dichter sich erlaubt, „mit hulden“ (mit Huldigung) ein wenig mit der Dame zu sprechen. Er bittet um ihre Geduld und betont, dass er schweigen wird, falls sie ihm zürnt. Hier wird die Dynamik zwischen dem Dichter und der Dame verdeutlicht. Die Dame wird als überlegen angesehen, während der Dichter sich seiner Position als Verehrer bewusst ist. Der Dichter gibt eine Empfehlung, „vriunden vriuntschaft schîn“ (Freundschaft gegenüber Freunden zu zeigen), was auf die Bedeutung von Freundlichkeit und sozialem Verhalten in der höfischen Welt hinweist.

Die vierte Strophe dient der Selbstverteidigung des Dichters. Er fordert, dass niemand ihn dafür kritisiert, wenn er „hôhe sprüche“ (hohe Sprüche) macht, da er selbst „hôchgemüete“ (hochgemut) ist und von der „güete“ (Güte) der Dame inspiriert wurde. Der Dichter rechtfertigt sein Lob mit der Begründung, dass er durch die Dame in den Stand versetzt wurde, solche hohen Worte zu finden. Er nutzt die Verehrung der Dame, um seine eigene poetische Fähigkeit und sein Selbstwertgefühl zu bekräftigen.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.