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XXVIII. Ich bin keiser âne krône

Von

I

Ich bin keiser âne krône,
sunder lant: daz meinet mir der muot;
der gestuont mir nie sô schône.
danc ir liebes, diu mir sanfte tuot.
Daz schaffet mir ein vrowe vruot.
dur die sô wil ich staete sîn,
wan in gesach nie wîp sô rehte guot.

II

‚Gerne sol ein rîter ziehen
sich ze guoten wîben. dêst mîn rât.
boesiu wîp diu sol man vliehen.
er ist tump, swer sich an sî verlât,
Wan sîne gebent niht hohen muot.
iedoch sô weiz ich einen man,
den ouch die selben vrowen dunkent guot.

III

Mirst daz herze worden swaere.
seht, daz schaffet mir ein sende nôt.
ich bin worden dem unmaere,
der mir dicke sînen dienest bôt.
Owê, war umbe tuot er daz?
und wil er sichs erlouben niht,
sô muoz ich im von schulden sîn gehaz.‘

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Gedicht: XXVIII. Ich bin keiser âne krône von Heinrich von Morungen

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „XXVIII. Ich bin keiser âne krône“ von Heinrich von Morungen ist ein Minnelied, das die komplexe Gefühlswelt eines Ritters im Kontext der mittelalterlichen Minne widerspiegelt. Der Dichter, der sich selbst als „keiser âne krône“ (Kaiser ohne Krone) bezeichnet, drückt die innere Zerrissenheit aus, die durch die Liebe zu einer Dame verursacht wird. Die Liebe wird hier als Quelle sowohl großer Freude als auch tiefer Qual dargestellt, ein zentrales Motiv der höfischen Liebeslyrik.

Der erste Teil des Gedichts preist die erhebende Wirkung der Liebe. Der Ritter fühlt sich wie ein Kaiser, obwohl er keine äußeren Zeichen der Macht besitzt. Dies deutet auf die innere Erhabenheit und den Reichtum hin, den die Liebe in ihm entfacht. Die Dame, die sanft zu ihm ist, wird als Ursache dieser Glückseligkeit hervorgehoben, wodurch die traditionelle Rolle der minnenden Frau als Inspirationsquelle und Objekt der Verehrung betont wird. Die Verwendung von Worten wie „schône“ (schön) und „fruot“ (weise) unterstreicht die Idealvorstellung der Dame und die tiefe Wertschätzung des Ritters.

Der zweite Teil des Gedichts führt eine allgemeine Reflexion über das Verhältnis zu Frauen ein, wobei die traditionelle Unterscheidung zwischen guten und bösen Frauen deutlich wird. Der Rat, gute Frauen zu wählen und böse zu meiden, spiegelt die moralischen Vorstellungen der Zeit wider. Allerdings wird dieser Rat durch die Aussage relativiert, dass es auch Männer gibt, die die gleiche Dame als gut empfinden, was auf eine potenzielle Dreiecksbeziehung oder zumindest auf die Schwierigkeit der eindeutigen Einordnung der Dame in die traditionellen Kategorien hindeutet. Dies deutet auf eine Ambivalenz des Ritters hin.

Der dritte Teil des Gedichts enthüllt das eigentliche Dilemma des Ritters: Die Liebe zu der Dame verursacht ihm „swaere“ (Schmerz). Dies deutet auf eine unerwiderte oder problematische Liebe hin, die den Ritter in eine Zwangslage bringt. Der „unmaere“ (Unglück) oder eine andere Person, die dem Ritter Dienst anbot, wird für seine Misere verantwortlich gemacht. Die abschließende Frage, warum der Unmaere dies tut, und die Drohung, ihm verhasst zu sein, wenn er sich nicht zurückzieht, verdeutlichen die Eifersucht und die Rivalität, die im Minne-Kontext oft eine Rolle spielen. Das Gedicht schließt somit mit einem Gefühl der Verzweiflung und der inneren Zerrissenheit, was die Komplexität der höfischen Liebe und ihre Auswirkungen auf das Gemüt des Ritters unterstreicht.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.