Über eine Skizze
Verzweiflung an der Liebe in der Liebe
In Liebeskampf? In Todes Kampf gesunken?
Ob Atem noch von ihren Lippen fließt?
Ob ihr der Krampf den kleinen Mund verschließt?
Kein Öl die Lampe? oder keinen Funken?
Der Jüngling – betend? tot? in Liebe trunken?
Ob er der Jungfrau höchste Gunst genießt?
Was ist′s, das der gefallne Becher gießt?
Hat Gift, hat Wein, hat Balsam sie getrunken.
Des Jünglings Arme, Engelsflügel werden –
Nein Mantelsfalten – Leichentuches Falten.
Um sie strahlt Heilgen Schein – zerraufte Haare.
Strahl′ Himmels Licht, flamm′ Hölle zu der Erde
Brich der Verzweiflung rasende Gewalten,
Enthüll′ – Verhüll′ – das Freudenbett – die Bahre.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Über eine Skizze“ von Clemens Brentano entwirft in wenigen, intensiven Versen ein vielschichtiges Bild von Liebe, Verzweiflung und Tod. Es stellt Fragen und lässt diese unbeantwortet, wodurch eine Atmosphäre der Ungewissheit und des Geheimnisses entsteht. Die Szene ist düster und von einer tiefen Melancholie geprägt, die durch die Verwendung von Begriffen wie „Todes Kampf“, „gefallne Becher“ und „Leichentuches Falten“ verstärkt wird. Die Skizze, auf die sich der Titel bezieht, scheint eine Momentaufnahme eines dramatischen Geschehens zu sein, in dem Liebende in einer prekären Situation aufeinandertreffen.
Die ersten beiden Strophen konzentrieren sich auf die beiden Protagonisten: die Frau und den Jüngling. Der Dichter stellt bohrende Fragen, die den Zustand der Frau ergründen: Ist sie im Liebeskampf oder im Todesskampf versunken? Fließt noch ihr Atem? Was verschließt ihren Mund? Ebenso wird der Zustand des Jünglings abgefragt: Betet er? Ist er tot oder berauscht von Liebe? Was wird aus dem Becher getrunken, Gift, Wein oder Balsam? Diese Fragen lassen den Leser über die Natur ihrer Beziehung und die Ursache ihrer Not spekulieren. Es ist unklar, ob das, was geschieht, ein Höhepunkt der Liebe, eine Tragödie oder etwas dazwischen ist. Die Verwendung von rhetorischen Fragen lädt den Leser ein, aktiv über die Geschehnisse nachzudenken und eigene Interpretationen zu entwickeln.
Die dritte Strophe liefert bildreiche Vergleiche, die die Atmosphäre des Gedichts noch weiter verdichten. Die Arme des Jünglings scheinen sich zu „Engelsflügeln“ zu verwandeln, aber dies wird sofort relativiert: es sind „Mantelsfalten – Leichentuches Falten“. Dies deutet auf eine mögliche Todeserfahrung hin, entweder für den Jüngling oder die Jungfrau, oder möglicherweise für beide. Der „Heilgen Schein – zerraufte Haare“ der Frau erzeugt ein ambivalentes Bild, das sowohl Heiligkeit als auch Verzweiflung suggeriert. Das Spiel von Licht und Schatten, von himmlischer und höllischer Macht, ist ein zentrales Thema, das die Zerrissenheit der Situation widerspiegelt.
In der abschließenden Strophe fleht der Dichter oder eine poetische Stimme den Himmel und die Hölle an. Es wird der Wunsch geäußert, dass „Himmels Licht“ scheinen und die „Hölle“ zur Erde flammen soll. Der Aufruf zur Auflösung der „Verzweiflung rasende Gewalten“ und die Bitte, sowohl das „Freudenbett“ als auch die „Bahre“ zu enthüllen oder zu verhüllen, verdeutlichen die Ambivalenz des Gedichts. Das Gedicht endet mit einem offenen Ende, das die Leserin oder den Leser dazu anregt, über die Natur der Liebe, des Leidens und des Todes nachzudenken. Es ist ein komplexes und emotionales Werk, das durch seine Bildsprache und seine Fragen eine nachhaltige Wirkung hinterlässt.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.