Tief unter mir ist alle Welt geschwunden
Seit ich an eines schönen Geistes Hand,
Die Binde von den Augen losgebunden,
Auf meines Daseins höchster Zinne stand,
Ist alle Lust oft rund um mich gewunden
Weil sich die Liebe schaffend um mich wand,
Auch wird wohl einst mein krankes Herz gesunden
Hab ich die Aussicht wieder nur gefunden.
Tief unter mir ist alle Welt geschwunden…
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Tief unter mir ist alle Welt geschwunden…“ von Clemens Brentano zeichnet ein Bild der spirituellen Erhebung und des veränderten Bewusstseins. Der Sprecher befindet sich in einer Art transzendenter Erfahrung, die ihn von der Welt der irdischen Freuden und Sorgen entfernt hat. Die Metapher des „höchster Zinne stand“ deutet auf einen Zustand der Erleuchtung oder des erhöhten Bewusstseins hin, von dem aus die Welt in ihrer Gesamtheit überblickt wird. Der Akt des „Losbindens der Binde von den Augen“ symbolisiert die Befreiung von Illusionen und die Erkenntnis einer tieferen Wahrheit, die durch die Führung eines „schönen Geistes“ ermöglicht wurde.
Die zentrale Thematik des Gedichts dreht sich um die Erfahrung von Liebe und die Hoffnung auf Heilung. Die „Liebe“ wird als schöpferische Kraft dargestellt, die sich um den Sprecher „wand“, was auf eine tiefgreifende emotionale Verwicklung und Erfahrung hindeutet. Diese Liebe scheint sowohl Freude („Lust“) als auch Leiden zu beinhalten, da das lyrische Ich von einer gewissen Verletzlichkeit oder Krankheit seines Herzens spricht. Diese Ambivalenz spiegelt die Höhen und Tiefen wider, die mit der Erfahrung der Liebe verbunden sind.
Ein wichtiger Aspekt des Gedichts ist die Hoffnung auf Genesung und die Bedeutung der Perspektive. Die Zeile „Auch wird wohl einst mein krankes Herz gesunden / Hab ich die Aussicht wieder nur gefunden“ drückt das Vertrauen aus, dass Heilung durch die Wiedererlangung einer positiven Sichtweise möglich ist. Die „Aussicht“ repräsentiert hier nicht nur die physische Aussicht von der „Zinne“, sondern auch eine mentale oder spirituelle Perspektive, die dem Sprecher Hoffnung und Trost spendet. Die Möglichkeit der Heilung ist eng an das Finden oder Wiederfinden dieser Perspektive geknüpft.
Brentano verwendet eine klassische, formale Sprache, die dem Thema der Erhebung und der Suche nach Sinn entspricht. Der Reim und der rhythmische Aufbau unterstützen die feierliche und erhabene Stimmung des Gedichts. Die Verwendung von Bildern wie „Zinne“, „Geist“ und „Binde“ verleiht dem Text eine spirituelle Tiefe und lädt den Leser ein, über die eigene Beziehung zur Welt und zur Liebe nachzudenken. Das Gedicht ist eine Meditation über die menschliche Existenz, die von der Erfahrung von Verlust, Liebe und Hoffnung geprägt ist.
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Lizenz und Verwendung
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