Die handeln und die dichten,
das ist der Lebenslauf,
der eine macht Geschichten,
der andre schreibt sie auf,
und der will beide richten;
so schreibt und treibt sich’s fort,
der Herr wird alles schlichten,
verloren ist kein Wort.
So oder so
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „So oder so“ von Joseph von Eichendorff betrachtet in knappen Versen die unterschiedlichen Tätigkeiten und Lebensweisen des Menschen und deutet auf eine übergeordnete Harmonie hin. Es beginnt mit der Gegenüberstellung von „Handeln“ und „Dichten“, wobei der Dichter die Geschichten aufschreibt, die die Handelnden erleben. Diese Dualität, die aktive Welt des Handelns und die reflektierende Welt des Dichters, wird als grundlegender „Lebenslauf“ beschrieben. Eichendorff stellt damit das Spannungsfeld zwischen Gestaltung und Reflexion dar, das das menschliche Dasein prägt.
Der dritte Vers, „und der will beide richten“, deutet auf eine dritte, vermittelnde Instanz hin, die das Urteil über beide Tätigkeiten spricht. Diese Figur könnte als Kritiker, Leser oder gar Gott interpretiert werden. Der Vers suggeriert die Existenz einer höheren Ordnung, die über den einzelnen menschlichen Handlungen steht. Diese Instanz wertet die verschiedenen Lebenswege und -formen, wobei das Gedicht selbst in diesen Dialog involviert ist. Die Ambivalenz zwischen den handelnden und dichtenden Personen wird so zu einem komplexen Gefüge aus Handlung, Reflexion und Wertung.
Die Zeilen „so schreibt und treibt sich’s fort, / der Herr wird alles schlichten“ lenken den Blick auf die Ewigkeit. Das „Schreiben“ wird als ein unaufhörlicher Prozess dargestellt, der seinen eigenen Gang nimmt. Die Erwähnung des „Herrn“ – eine religiöse Anspielung – deutet darauf hin, dass am Ende eine höhere Macht über das menschliche Tun richten wird. Diese Perspektive relativiert die Bedeutung individueller Handlungen und betont die Vorstellung einer göttlichen Ordnung, die alles ausgleicht.
Der letzte Vers, „verloren ist kein Wort“, fasst die Kernaussage des Gedichts zusammen. Er suggeriert, dass selbst die flüchtigsten Worte und Handlungen von Bedeutung sind, dass sie in der Gesamtkomposition des Lebens ihren Platz haben. Die Botschaft ist tröstlich, denn sie versichert, dass nichts in Vergessenheit gerät. Dies unterstreicht Eichendorffs romantische Sichtweise, die die Einheit von Dichtung, Handlung und Schöpfung betont und ein positives Menschenbild zeichnet, das von Hoffnung und Harmonie geprägt ist.
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Lizenz und Verwendung
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