Sonette

Joseph von Eichendorff

1841

1

Es qualmt′ der eitle Markt in Staub und Schwüle, So klanglos öde wallend auf und nieder, Wie dacht ich da an meine Berge wieder, An frischen Sang, Felsquell und Waldeskühle!

Doch steht ein Turm dort über dem Gewühle, Der andre Zeiten sah und beßre Brüder, Das Kreuz treu halten seine Riesenglieder, Wie auch der Menschlein Flut den Fels umspüle

Das war mein Hafen in der weiten Wüste, Oft kniet ich betend in des Domes Mitte, Dort hab ich dich, mein liebes Kind, gefunden;

Ein Himmelbote wohl, der so mich grüßte: “Verzweifle nicht! Die Schönheit und die Sitte Sie sind noch von der Erde nicht verschwunden.”

2

Ein alt Gemach voll sinnger Seltsamkeiten, Still′ Blumen aufgestellt am Fensterbogen, Gebirg und Länder draußen blau gezogen, Wo Ströme gehn und Ritter ferne reiten.

Ein Mädchen, schlicht und fromm wie jene Zeiten, Das, von den Abendscheinen angeflogen, Versenkt in solcher Stille tiefe Wogen - Das mocht auf Bildern oft das Herz mir weiten.

Und nun wollt wirklich sich das Bild bewegen, Das Mädchen atmet′ auf, reicht aus dem Schweigen Die Hand mir, daß sie ewig meine bliebe.

Da sah ich draußen auch das Land sich regen, Die Wälder rauschen und Aurora steigen - Die alten Zeiten all weckt mir die Liebe.

3

Wenn zwei geschieden sind von Herz und Munde, Da ziehn Gedanken über Berg′ und Schlüfte Wie Tauben säuselnd durch die blauen Lüfte, Und tragen hin und wieder süße Kunde.

Ich schweif umsonst, so weit der Erde Runde, Und stieg ich hoch auch über alle Klüfte, Dein Haus ist höher noch als diese Lüfte, Da reicht kein Laut hin, noch zurück zum Grunde.

Ja, seit du tot - mit seinen blühnden Borden Wich ringsumher das Leben mir zurücke, Ein weites Meer, wo keine Bahn zu finden.

Doch ist dein Bild zum Sterne mir geworden, Der nach der Heimat weist mit stillem Blicke, Daß fromm der Schiffer streite mit den Winden.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Sonette

Interpretation

Das Gedicht "Sonette" von Joseph von Eichendorff beschreibt in den ersten beiden Sonetten die Sehnsucht des lyrischen Ichs nach der Natur und der Einfachheit vergangener Zeiten. Inmitten der staubigen und öden Stadt sucht das Ich Trost in der Erinnerung an Berge, Wald und frischen Gesang. Ein Turm, der andere Zeiten sah, wird zum Ankerpunkt und Symbol der Hoffnung, dass Schönheit und Tugend noch nicht von der Erde verschwunden sind. Im zweiten Sonett findet das Ich in einem alten Gemach voller Kuriositäten und einem frommen Mädchen eine Verkörperung der vergangenen Zeiten. Die Liebe lässt die Bilder lebendig werden und erweckt die alten Zeiten zu neuem Leben. Das dritte Sonett thematisiert die unüberwindbare Trennung zwischen dem lyrischen Ich und einem geliebten Menschen. Gedanken fliegen wie Tauben durch die Luft und tragen Nachrichten hin und her, doch die Distanz ist zu groß, um eine Verbindung herzustellen. Das Haus des geliebten Menschen ist höher als die Lüfte, und kein Laut kann die Kluft überbrücken. Seit dem Tod des geliebten Menschen ist das Leben um das Ich herum erloschen, und es fühlt sich wie ein weites Meer ohne erkennbaren Weg an. Doch das Bild des Verstorbenen hat sich zu einem Stern entwickelt, der dem Schiffer den Weg nach Hause weist und ihm Kraft gibt, gegen die Widrigkeiten anzukämpfen.

Schlüsselwörter

zeiten sah weiten oft erde draußen mädchen fromm

Wortwolke

Wortwolke zu Sonette

Stilmittel

Metapher
Der nach der Heimat weist mit stillem Blicke
Personifikation
Das Kreuz treu halten seine Riesenglieder