Schwindsüchtige
Sie müssen ruh′n und wieder ruh′n,
Teils auf den patentierten Liegestühlen
Sieht man in Wolle sie und Wut sich wühlen,
Teils haben sie im Bette Kur zu tun.
Nur mittags hocken krötig sie bei Tisch
Und schlingen Speisen: fett und süß und zahlreich.
Auf einmal klingt ein Frauenlachen, qualreich,
Wie eine Aeolsharfe zauberisch.
Vielleicht, daß einer dann zum Gehn sich wendet,
– er ist am nächsten Tage nicht mehr da –
Und seine Stumpfheit mit dem Browning endet…
Ein andrer macht sich dick und rund und rot.
Die Ärzte wiehern stolz: Halleluja!
Er ward gesund! (und ward ein Halbidiot…)
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Schwindsüchtige“ von Klabund zeichnet ein ironisches Porträt des Lebens in einer Heilanstalt für Tuberkulosekranke. Es fängt das Widersprüchliche und Absurde dieser Situation ein, indem es die Kluft zwischen der erhofften Genesung und der tatsächlichen Realität des Lebens der Patienten aufzeigt. Der Titel selbst, „Schwindsüchtige“, deutet auf die Krankheit hin, aber der Ton des Gedichts ist nicht von Trauer oder Mitleid geprägt, sondern von einer beißenden Beobachtungsgabe.
Die ersten vier Zeilen beschreiben das stereotype Verhalten der Patienten: ständige Ruhe auf Liegestühlen und im Bett, umgeben von Decken, die sowohl Geborgenheit als auch Isolation suggerieren. Die Formulierung „in Wolle sie und Wut sich wühlen“ deutet auf eine innere Unruhe, ein Gefühl der Unzufriedenheit oder des Unbehagens hin, das unter der Oberfläche der scheinbaren Ruhe brodelt. Diese Wut könnte sich gegen die Krankheit, die Umstände oder die Eintönigkeit des Lebens in der Heilanstalt richten.
Die nächste Strophe lenkt den Blick auf die Mahlzeiten. Das „krötige“ Hocken bei Tisch und das gierige „Schlingen“ von fetten, süßen und reichhaltigen Speisen offenbart den verzweifelten Versuch der Patienten, sich zu stärken und die Krankheit zu bekämpfen. Das plötzliche „Frauenlachen, qualreich“ unterbricht die Routine und fügt eine verstörende Note hinzu, die auf die Zerrissenheit der Gefühle zwischen Hoffnung und Verzweiflung anspielt. Dieses Lachen, das an eine „Aeolsharfe“ erinnert, die eine gewisse Schönheit besitzt, aber auch Unheimliches in sich birgt, verstärkt die Ambivalenz des Gedichts.
Die letzten Strophen offenbaren das tragische Schicksal der Patienten. Einige sterben, wie in Zeile 9 angedeutet wird: „er ist am nächsten Tage nicht mehr da -„. Die Erwähnung des „Browning“ könnte auf Suizid hindeuten, was die Verzweiflung und das Gefühl der Ausweglosigkeit noch verstärkt. Andere hingegen genesen scheinbar, werden aber „dick und rund und rot“ und enden als „Halbidiot“. Der ironische Ausruf der Ärzte „Halleluja!“ unterstreicht die Absurdität des Erfolgs, der im Verlust von Geist und Persönlichkeit besteht. Klabunds Gedicht ist eine schonungslose Kritik am Leben in einer Heilanstalt, in der die Hoffnung auf Heilung oft durch Krankheit und Tod, durch Zerrissenheit und Einsamkeit ersetzt wird.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.