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Östliches Taglied

Von

Ist dieses Bette nicht wie eine Küste,
Ein Küstenstreifen nur, darauf wir liegen?
Nichts ist gewiß als deine hohen Brüste,
die mein Gefühl ins Schwindeln überstiegen.

Denn diese Nacht, in der so vieles schrie,
in der sich Tiere rufen und zerreißen,
ist sie uns nicht entsetzlich fremd? Und wie:
was draußen langsam anhebt, Tag geheißen,
ist das uns denn verständlicher als sie?

Man müßte so sich ineinanderlegen
wie Blütenblätter um die Staubgefäße:
so sehr ist überall das Ungemäße
und häuft sich an und stürzt sich uns entgegen.

Doch während wir uns aneinander drücken,
um nicht zu sehen, wie es ringsum naht,
kann es aus dir, kann es aus mir sich zücken:
denn unsre Seelen leben von Verrat.

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Gedicht: Östliches Taglied von Eduard Mörike

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Östliches Taglied“ von Eduard Mörike ist eine Betrachtung über die Flüchtigkeit von Liebe und Geborgenheit in einer Welt, die von Chaos und Unsicherheit geprägt ist. Es beginnt mit einer vergleichenden Metapher, in der das Bett als eine Küste beschrieben wird, ein schmaler Streifen der Sicherheit inmitten des Meeres der Welt. Dieser einleitende Vers etabliert sofort ein Gefühl der Fragilität und des vorübergehenden Glücks. Der zweite Vers betont die Sinnlichkeit und die physische Präsenz der Geliebten, die als einziges greifbares Element in der unsicheren Realität erscheint, ihre hohen Brüste, die das Gefühl des Sprechers überwältigen.

Die zweite Strophe erweitert das Thema der Unsicherheit, indem sie die Nacht als eine Zeit des Schreiens und der Zerrissenheit beschreibt. Die Tiere, die sich rufen und zerreißen, symbolisieren die rohe, ungezügelte Natur der Welt und die ständige Bedrohung durch Gewalt und Konflikt. Die Frage, ob der Tag, der sich am Horizont abzeichnet, verständlicher ist als die Nacht, deutet auf eine generelle Skepsis gegenüber der menschlichen Fähigkeit, die Welt zu verstehen, und eine Verzweiflung angesichts der Unberechenbarkeit des Lebens. Der Tag als Gegenspieler der Nacht, kann hier auch als ein Symbol für die gesellschaftlichen Zwänge gesehen werden, die das liebende Paar trennen könnten.

Die dritte Strophe führt eine neue Metapher ein, das Bild der Blütenblätter, die sich um die Staubgefäße legen. Diese Analogie drückt den Wunsch nach Verschmelzung und Verbundenheit aus, um dem „Ungemäße[n]“ entgegenzuwirken, das sich überall häuft und auf die Liebenden einstürzt. Doch die Betonung des „Ungemäße[n]“ suggeriert, dass diese Harmonie unvollkommen und von kurzer Dauer sein muss. Die Verwendung des Wortes „Ungemäße“ verweist auf die Diskrepanz zwischen dem Ideal der Liebe und der Realität der Welt.

Die letzte Strophe offenbart die bittere Wahrheit des Gedichts: Die Seelen der Liebenden leben von „Verrat“. Dies ist der Kern der Botschaft, der die Fragilität der Liebe in einer Welt der Unsicherheit hervorhebt. Die „Seelen“ leben vom „Verrat“, was sich in den gegenseitigen Erwartungen und Enttäuschungen im Kontext der Liebe manifestiert. Die schmerzliche Erkenntnis unterstreicht die tiefgreifende Melancholie des Gedichts, die durch die scheinbare Geborgenheit des Paares noch verstärkt wird. Die Liebe, die sich in der Nähe der anderen Person findet, kann sich in der Welt nicht behaupten, und die Liebe wird nur zu einer kurzlebigen Illusion der Sicherheit.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.