Lied eines Verliebten
1888In aller Früh′, ach, lang vor Tag, Weckt mich mein Herz, an dich zu denken, Da doch gesunde Jugend schlafen mag.
Hell ist mein Aug′ um Mitternacht, Heller als frühe Morgenglocken: Wann hättst du je am Tage mein gedacht?
Wär′ ich ein Fischer, stünd′ ich auf, Trüge mein Netz hinab zum Flusse, Trüg′ herzlich froh die Fische zum Verkauf.
In der Mühle bei Licht der Müllerknecht Tummelt sich, alle Gänge klappern; So rüstig Treiben wär′ mir eben recht.
Weh! aber ich, o armer Tropf, Muß auf dem Lager mich müßig grämen, Ein ungebärdig Mutterkind im Kopf.
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Interpretation
Das Gedicht "Lied eines Verliebten" von Eduard Mörike handelt von den intensiven Gefühlen und dem inneren Aufruhr eines jungen Mannes, der von seiner Liebe besessen ist. Der Sprecher beschreibt, wie ihn sein Herz schon vor Tagesanbruch weckt, um an seine Geliebte zu denken, obwohl gesunde Jugend eigentlich schlafen sollte. Diese frühe Erwachung symbolisiert die unaufhaltsame Natur seiner Liebe, die ihn selbst in den frühesten Stunden des Tages beschäftigt. Der zweite Teil des Gedichts verdeutlicht die Intensität seiner Sehnsucht, indem er sich vorstellt, wie es wäre, wenn er andere Tätigkeiten ausüben würde. Er denkt an einen Fischer, der früh aufsteht, um sein Netz zum Fluss zu tragen, oder an einen Müllerknecht, der bei Licht in der Mühle arbeitet. Diese Vergleiche dienen dazu, seine eigene Untätigkeit und das Gefühl der Hilflosigkeit zu betonen. Er sehnt sich danach, so rüstig und aktiv zu sein wie diese Arbeiter, aber stattdessen muss er sich untätig auf seinem Lager grämen. Im letzten Teil des Gedichts drückt der Sprecher seine Verzweiflung und sein Selbstmitleid aus. Er bezeichnet sich selbst als "armen Tropf" und beschreibt, wie er sich auf seinem Lager grämt, ein "ungebärdig Mutterkind im Kopf". Diese Metapher verdeutlicht die Unkontrollierbarkeit seiner Gefühle und die Tatsache, dass er sich wie ein ungezogenes Kind verhält, das nicht auf seine Mutter hört. Das Gedicht endet mit einem Gefühl der Resignation und der Erkenntnis, dass er seiner Liebe nicht entkommen kann, sondern ihr hilflos ausgeliefert ist.
Schlüsselwörter
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Stilmittel
- Anapher
- In aller Früh′, ach, lang vor Tag, Weckt mich mein Herz, an dich zu denken, Da doch gesunde Jugend schlafen mag.
- Hyperbel
- Hell ist mein Aug′ um Mitternacht, Heller als frühe Morgenglocken: Wann hättst du je am Tage mein gedacht?
- Personifikation
- Weh! aber ich, o armer Tropf, Muß auf dem Lager mich müßig grämen, Ein ungebärdig Mutterkind im Kopf.
- Vergleich
- In der Mühle bei Licht der Müllerknecht Tummelt sich, alle Gänge klappern; So rüstig Treiben wär′ mir eben recht.