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O Traum der Wüste, Liebe, endlos Sehnen…

Von

O Traum der Wüste, Liebe, endlos Sehnen,
Blau überspannt vom Zelte, Stern an Stern;
O Wüstenglut voll Tau, o Lieb voll Tränen,
Weil sich unendlich Nahes ewig fern.

O Wüstentraum, wo Lieb auf Herzschlag lauschet,
Wenn flüchtgen Wildes Huf die Wüste drischt,
O Traum, wo der Geliebten Schleier rauschet,
Wenn Geierflug im Sandmeer Schlangen fischt.

O Wüstentraum, wo Liebe träumt zu fassen
Jetzt Josephs Mantelsaum mit durstger Hand,
Da geißelt wach, verhöhnt halb, ganz verlassen
Ihr Herz, der Wüste Geißel, glüher Sand.

O Liebe, Wüstentraum der Sehnsuchtspalme,
Die blütenlos Gezweig zum Himmel streckt,
Bis segnend in des höchsten Liedes Psalme
Der Engel sie mit heilgem Fruchtstaub weckt.

O Wüste, Traum der Liebe, die verachtet
Vom Haus verstoßen mit der Hagar irrt,
Wo schläft der Quell? da Ismael verschmachtet,
Bis deine Brust ihm eine Amme wird.

O Wüstentraum der Liebe, die sich sehnet,
Steigt nie ein Weiherauch aus dir empor?
Geht duftend, auf den Bräutigam gelehnet,
Nie meine Seele heil aus dir hervor?

O Wüste, wo das Wort der ewgen Liebe
Im unversehrten Dorn vor Moses flammt,
Ein Zeugnis, daß die Mutter Jungfrau bliebe,
Aus deren Schoß der Sohn der Gottheit stammt.

Lieb′, Wüstentraum, so laut des Rufers Stimme,
»Bereit′ den Weg des Herrn!« dir mahnend schallt,
Summt in des Löwen Schlund dir doch die Imme,
Die Süßes baut im Rachen der Gewalt.

O Durst der Liebe, Wüstentraum, wann spaltet
Der Herr den Fels, daß Wasser gibt der Stein,
Wann deckt in dir den Tisch, der gütig waltet,
Wann sammle ich das Himmelbrot mir ein?

Durst, Liebe, Wüstentraum, dort scheint am Hügel
Der Morgenstrahl, ein Hirtenfeuer weiß,
Wo Durst gewähnt des Wasserfalles Spiegel
Fand Liebe ein Geschiebe Fraueneis.

O Liebe, Wüstentraum des Heimatkranken,
Ihr Paradiese, schimmernd in der Luft,
Ihr Sehnsuchtsströme, die durch Wiesen ranken,
Ihr Palmenhaine, lockend in dem Duft.

O Liebe, Wüstentraumquell, beim Erwachen
Rauscht dir kein Quell, es wirbelt glüher Sand,
Es saust das Haus der Schlangen und der Drachen
Und prasselt nieder an der Felsenwand.

O Wüstentraum, wo Sehnsucht Feuer trinket,
Und Liebe angehaucht vom giftgen Smum,
Ohn Trost und Hoffnung tot zur Erde sinket;
O Tod ohn Liebe, Hoffnung, Ehr und Ruhm!

O Wüstentraum der Lieb! in der Oase
Labt dich am Quell, der zwischen Palmen glänzt,
Ein schlankes Kind – die Schlange ist′s im Grase,
Der Räuber Kundschaft′rin, ein Truggespenst.

O Liebe, Wüstentraum, nach kurzem Gasten
Sprengt dich der Räuber gastfrei an mit Hohn:
»Mein Brüderchen! entlaste dich zum Fasten,
Wo denkest du hinaus, mein lieber Sohn?«

O Liebe, Wüstentraum, du mußt verbluten,
Beraubt, verwundet, trifft der Sonne Stich,
Der Wüste Speer dich, und in Sandesgluten
Begräbt der Wind dich, und Gott findet dich!

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: O Traum der Wüste, Liebe, endlos Sehnen... von Clemens Brentano

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „O Traum der Wüste, Liebe, endlos Sehnen…“ von Clemens Brentano ist eine vielschichtige Metapher, die die Liebe und Sehnsucht in der lebensfeindlichen Umgebung der Wüste verortet. Das Gedicht ist eine Anrufung, die in 15 Strophen die Qualen und Hoffnungen der Liebe in einem Kontext von Trockenheit, Durst und Bedrohung darstellt. Die wiederholte Anrufung „O Wüstentraum“ verdeutlicht die surreale, traumartige Qualität dieser Erfahrung und die Verschmelzung von Liebe, Sehnsucht und dem existenziellen Zustand des Daseins.

Die Wüste dient als zentrales Symbol für die unerreichbare Sehnsucht und die ungestillte Liebe. Brentano zeichnet ein Bild der Liebe als ein Gefühl, das in der unwirtlichen Umgebung der Wüste umherirrt, immer auf der Suche nach Trost und Erfüllung. In den Strophen finden sich immer wieder Motive des Durstes, des verlorenen Paradieses und der vergeblichen Suche nach dem Quell des Lebens. Die Liebe ist hier mit den Leiden der Wüste verbunden: Hitze, Sand, die Gefahr durch Räuber und Schlangen. Der Autor verwendet biblische Anspielungen, wie die Geschichte von Hagar und Ismael, um die Einsamkeit und das Ausgestoßensein der Liebe zu betonen.

Die Metaphern und Bilder sind reichhaltig und symbolträchtig. Die Wüste, als Inbegriff der Unfruchtbarkeit und Leere, wird zum Spiegelbild der Sehnsucht nach Erfüllung. Die wiederholten Fragen, wie „Wo schläft der Quell?“ oder „Wann sammle ich das Himmelbrot mir ein?“, unterstreichen die Suche nach Trost und Erlösung. Die Oase, die in einigen Strophen auftaucht, scheint ein Hoffnungsschimmer zu sein, entpuppt sich aber letztlich als Illusion, die von Schlangen und Räubern bewohnt wird. Dies verdeutlicht die Vergänglichkeit des Glücks und die ständige Bedrohung der Liebe.

Das Gedicht endet mit einem düsteren Ausblick. Die Liebe muss letztendlich in der Wüste verbluten, beraubt, verwundet und der Sonne ausgesetzt. Die Wüste wird zum Grab der Liebe. Der „Wind“ begräbt die Liebenden. Diese drastischen Bilder unterstreichen die Hoffnungslosigkeit und das Scheitern der Liebe in dieser unwirtlichen Umgebung. Trotzdem ist das Gedicht nicht frei von Hoffnung. Die letzte Strophe zeigt die Möglichkeit der Wiederentdeckung durch Gott: „Und Gott findet dich!“.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Brentanos Gedicht eine komplexe und metaphorische Auseinandersetzung mit der Liebe, Sehnsucht und dem menschlichen Zustand darstellt. Die Wüste dient als tiefgründiges Symbol für die unerfüllte Sehnsucht, die Suche nach Trost und die letztendliche Hoffnung auf Erlösung. Die wiederholten Anrufungen und die reichhaltigen Bilder schaffen eine dichte Atmosphäre, die den Leser in die Welt der Sehnsucht und des Leids eintauchen lässt, wobei die Möglichkeit der göttlichen Gnade einen Hoffnungsschimmer am Ende des Gedichts darstellt.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.