O wie so oft ...

Clemens Brentano

1778

O wie so oft Hab ich ein Zeichen erhofft, Zogen Sterne den schimmernden Bogen Durch die himmlische Leere Durch die himmlische Tiefe, Daß ich der irdischen Schwere Endlich auf immer entschliefe, Aber der Morgen Löschte die Sterne aus, Weckte die Sorgen, Weckte des Herzens Haus, Und des Alltäglichen Macht Zwang die Ahndung der Nacht.

O wie so viel Nahte der Sehnsucht das Ziel Sanken Dürstende müde Gedanken Hin an brennender Schwelle Selig kühlender Ferne, Ach da stürzte zum Herzen die Welle Und das lachende Licht in die finsteren Sterne, Aber die Ebbe Kehrte, die Flut wich, Heißer die Steppe Umgürtet mit Glut mich, Und den brennenden Pfeil Mahnte das fliehende Ziel zur Eil.

O wie so tief Oft aus den Wogen mich′s rief! Fielen Um nach den Sternen zu zielen Tränen zu spiegelnden Seen Die zwischen blumigten Wiesen, Augen der Erde, aufsehen, Himmlische Kinder zu grüßen. Aber die Fläche Ringelt, das Bild bricht, Bittere Bäche Rinnet so wild nicht! Freudig ja springet ein Fisch, Und ich mord ihn, decke den Tisch.

O wie so rein Wächst in der Schönheit der Schein, Scheinet Sie aus der Einfalt und einet Recht in der lauteren Klarheit Strahlen der himmlischen Güte Zum sehenden sichtbaren Auge der Wahrheit, Das das schaffet und selbst ist die Frucht und die Blüte Aber die Dichter Machen die Glieder zum Leibe gern Schneiden Gesichter In einen Kirschenkern Traurig und lachend, o gebe Lieber der Erde ihn, daß er lebe

Blütenvoll Früchtevoll Dir und den Deinen himmlischen Segen

Gebe Auf irdischen Wegen.

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Illustration zu O wie so oft ...

Interpretation

Das Gedicht "O wie so oft ..." von Clemens Brentano ist eine tiefgründige Betrachtung über die menschliche Sehnsucht nach Transzendenz und die Enttäuschung, die oft mit dem Streben nach dem Göttlichen einhergeht. Brentano beschreibt, wie der Mensch wiederholt nach Zeichen und Erleuchtung strebt, symbolisiert durch die Sterne, die einen schimmernden Bogen durch den Himmel ziehen. Diese himmlischen Erscheinungen versprechen Erlösung von der "irdischen Schwere", doch der Morgen löscht die Sterne aus und weckt die alltäglichen Sorgen und Pflichten, die die nächtlichen Ahndungen wieder zunichtemachen. In den folgenden Strophen vertieft Brentano das Thema der unerfüllten Sehnsucht. Die "dürstenden müden Gedanken" sinken an die "brennende Schwelle" der Sehnsucht, um in der "selig kühlenden Ferne" Trost zu finden. Doch die Welle des Herzens stürzt herein, und das lachende Licht blendet die "finsteren Sterne". Die Ebbe kehrt zurück, die Steppe umgürtet den Menschen mit Glut, und der fliehende Pfeil des Ziels mahnt zur Eile. Diese Bilder verdeutlichen die flüchtige Natur der erhofften Erleuchtung und die Rückkehr in die trostlose Wirklichkeit. Im letzten Teil des Gedichts wendet sich Brentano der Schönheit und Reinheit zu, die in der Einfalt zu finden ist. Die Schönheit wächst rein und scheint aus der Einfalt, indem sie die Strahlen der himmlischen Güte zum sehenden Auge der Wahrheit richtet. Doch die Dichter, die Gesichter in Kirschenkerne schnitzen, machen aus den Gliedern einen Leib. Brentano mahnt, die Schönheit der Erde zu überlassen, damit sie leben kann. Das Gedicht endet mit einem Segen, der dem Leser und seinen Liebsten auf irdischen Wegen zuteilwerden möge, was eine Versöhnung mit der irdischen Existenz andeutet.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Hyperbel
daß ich der irdischen Schwere / Endlich auf immer entschliefe
Metapher
Auf irdischen Wegen
Personifikation
die Steppe / Umgürtet mit Glut mich