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Mystik

Von

Ich gehe langsam durch die Stadt
Zum Ein- bis Zweifamilienbad.
Schon hebt sich aus der weißen Flut
Ein brauner Bauch, der trübe tut.
Der Bauch tut nichts. Je nun: ich weiß:
Die andre Seite ist der Steiß.
Ein jedes erntet hier sein Heil
Vom Gegen-Teil. Im Gegen-Teil.

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Gedicht: Mystik von Klabund

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Mystik“ von Klabund ist eine kurze, ironische Betrachtung über die Dualität und die Suche nach Vollkommenheit, die in einem unerwarteten Kontext – einem Ein- bis Zweifamilienbad – stattfindet. Der scheinbar profane Schauplatz steht im Kontrast zu dem philosophischen Anspruch, der durch den Titel „Mystik“ suggeriert wird.

Das Gedicht beginnt mit einer langsamen Bewegung durch die Stadt, die zu dem Badeort führt. Die Szene ist unspektakulär, fast alltäglich. Der erste Vers etabliert eine ruhige, kontemplative Stimmung, die jedoch durch die anschließende Beschreibung des „braunen Bauchs“ unterbrochen wird. Diese banale Beobachtung deutet auf eine gewisse Ernüchterung hin, eine Entzauberung des mystischen Ideals. Der Bauch „trübe tut“, was das anfängliche Erwartungshaltung des Lesers untergräbt.

Der zweite Teil des Gedichts nimmt eine philosophischere Wendung. Der Satz „Der Bauch tut nichts“ deutet auf eine Akzeptanz des Nicht-Handelns, des Passiven, hin. Die Erkenntnis, dass „die andre Seite ist der Steiß“ ist ein Hinweis auf die Dualität der Welt und die Notwendigkeit, das Gegenüber zu betrachten, um Ganzheit zu erlangen. Dies ist eine Anspielung auf das Prinzip von Yin und Yang. Klabund spielt mit der Erwartung des Lesers und konfrontiert ihn mit einer scheinbar trivialen Beobachtung, die jedoch tiefere Bedeutungsebenen eröffnet.

Der abschließende Vers, „Ein jedes erntet hier sein Heil / Vom Gegen-Teil. Im Gegen-Teil.“, ist der Kern der mystischen Aussage. Er unterstreicht die Idee, dass das Heil, die Vollkommenheit oder die Erleuchtung nicht im Einzelnen, sondern im Zusammenspiel der Gegensätze zu finden ist. Die Wiederholung „Im Gegen-Teil“ verstärkt diese Botschaft und suggeriert, dass die Welt durch die gegensätzlichen Aspekte zusammengehalten und definiert wird. Das Gedicht nutzt das Ein- bis Zweifamilienbad als eine ironische Metapher für die Suche nach Transzendenz und die Akzeptanz der Dualität des Lebens.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.