Müde schleich ich
unknownMüde schleich ich durch die Morgenstille, Und es bebt in mir ein fremder Wille. Wie die Glocken fernes Ave läuten, Scheint es mir Verachtung zu bedeuten Meinen Lippen, die noch dunkel bluten Von des Weibes ungehemmten Gluten; Haß, daß ich die Tage frei verprasse, Und ein Armer nicht in Zucht sie fasse. – Nimmer neid ich euch die Kirchenenge Und den Küster. Zerren wir die Stränge, Soll ins Land der Klöppel donnernd hämmern: Morgenrot! Klabund! die Tage dämmern!
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Interpretation
Das Gedicht "Müde schleich ich" von Klabund beschreibt die innere Zerrissenheit und den Konflikt zwischen weltlichen Genüssen und religiösen Pflichten. Der Erzähler schreitet müde durch die Morgenstille, während in ihm ein fremder Wille bebt. Die fernen Glockenläute, die "Ave" rufen, erscheinen ihm wie eine Verachtung seiner Lippen, die noch von der Leidenschaft einer Frau dunkel bluten. Der Erzähler empfindet Hass gegenüber den Tagen, die er frei und unbeschwert vergeudet, während ein Armer nicht in der Lage ist, sie in Zucht zu halten. Er neidet den Menschen nicht die Enge der Kirche und den Küster. Stattdessen möchte er die Stränge reißen und den Klabund in das Land hämmern lassen, während der Morgen anbricht und die Tage dämmern. Das Gedicht spiegelt die Spannung zwischen dem Verlangen nach sinnlicher Lust und der Verpflichtung zu religiösen und gesellschaftlichen Normen wider. Der Erzähler scheint sich zwischen diesen beiden Polen hin- und hergerissen zu fühlen und sehnt sich nach Freiheit und Selbstbestimmung. Die Glocken und der Kirchenbesuch symbolisieren die traditionellen Werte und Zwänge, während die Leidenschaft und das "freie Verprassen" der Tage die Verlockungen des weltlichen Lebens darstellen. Die letzten Zeilen des Gedichts deuten auf eine Art Befreiung oder Rebellion gegen die etablierten Strukturen hin. Der Erzähler möchte die "Stränge" reißen, was als Metapher für das Durchbrechen von Fesseln oder Konventionen interpretiert werden kann. Der Klabund, der in das Land hämmern soll, könnte als Symbol für eine neue, unkonventionelle Lebensweise stehen. Der "Morgenrot" und das "Dämmern der Tage" könnten auf einen Neuanfang oder eine Wende im Leben des Erzählers hindeuten.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Müde schleich ich
- Enjambement
- Morgenrot! Klabund! die Tage dämmern!
- Metapher
- Weibes ungehemmten Gluten
- Personifikation
- Morgenstille
- Symbolik
- Morgenrot