Montreux
Hier sieht die Landschaft man nicht vor Hotels.
Es riecht nach Beefsteak und nach faulen Eiern.
Schloß Chillon steht betrübt auf einem Fels
Und ist berühmt durch Dichtungen von Byron.
Der Tag beginnt mit einem fetten Lunch,
Dann schiebt zum Liegestuhl man sacht den vollen
Geliebten Bauch. Und Wesen, die sich Mensch
(Mit Unrecht) nennen, hügelabwärts rollen.
Wer unter hundert Franken Rente hat
(Pro Tag), der ist ein wüster Proletarier.
Man frißt an Hummer sich und Kaviar satt,
Und ist kein Klassenhaß von Jud und Arier.
In tausend Meter Höhe erst ist Luft,
Dort findet man zwei ärmliche Narzissen.
Sie wachsen einer Jungfrau aus der Gruft
Und sind versehentlich nicht ausgerissen.
Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Montreux“ von Klabund ist eine satirische Kritik an der dekadenten und oberflächlichen Gesellschaft, die sich in dem Schweizer Kurort aufhält. Klabund zeichnet ein Bild von Wohlstand, Genusssucht und mangelnder Tiefgründigkeit, das er mit beißender Ironie kommentiert. Die Beschreibung der Landschaft, die von Hotels verstellt wird, und die Gerüche von „Beefsteak und…faulen Eiern“ setzen den Ton für eine negative Darstellung. Das historische Schloss Chillon, berühmt durch Byron, steht nur als melancholischer Rest der Vergangenheit neben dem prunkvollen Treiben der Gegenwart.
Der zweite Vers verdeutlicht die vorherrschende Lebensart: ein Tag beginnt mit einem „fetten Lunch“, gefolgt von Trägheit und Selbstgefälligkeit, symbolisiert durch das „Schieben“ des Bauches. Die Menschen, die Klabund mit einer gewissen Verachtung als „Wesen“ bezeichnet, die sich „mit Unrecht“ Mensch nennen, rollen „hügelabwärts“. Diese Bewegung suggeriert ein zielloses Dahintreiben und die Abwesenheit von wahrer Anstrengung oder Bestrebung. Die Ironie wird durch die Betonung des Überflusses und der körperlichen Genüsse verstärkt.
Der dritte Vers verschärft die Kritik. Wer unter einem bestimmten Einkommen pro Tag hat, wird als „Proletarier“ abgestempelt, was die Ungleichheit und die soziale Hierarchie des Ortes unterstreicht. Der Verzicht auf Klassenkampf zwischen Juden und Ariern aufgrund des gemeinsamen Konsums von Luxusgütern wie „Hummer“ und „Kaviar“ ist ein zynischer Kommentar zur vermeintlichen Harmonie, die auf dem Fundament des Wohlstands errichtet wird.
Das Gedicht endet mit einer deutlichen Gegenüberstellung von oberflächlichem Reichtum und echter Schönheit. Die „Luft“ in „tausend Meter Höhe“ deutet auf eine höhere, reinere Ebene hin. Hier, in der Abgeschiedenheit, findet man die „ärmlichen Narzissen“, die aus der „Gruft“ einer Jungfrau wachsen. Die Blume steht für eine fast schon verstorbene Reinheit und Authentizität. Ihre unbeabsichtigte Existenz, die durch das „Nichtausgerissen“ betont wird, kontrastiert stark mit der künstlichen, oberflächlichen Welt von Montreux und ihrer geldgesteuerten Gesellschaft. Klabunds Gedicht ist somit eine scharfe Anklage gegen eine Gesellschaft, die ihre Werte in Oberflächlichkeit, Genuss und materiellem Reichtum sucht.
Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.
Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.