Mein Bruder
Ich war schon einmal in diesem Land daheim.
Ich sah schon einmal jene polnische Kuppel.
Und jenen Baum. Und jene Wolke lag
Auch im Frieden an meinem Herzen.
Nur neigte sie sich sanfter. Und kein Rauch
Verscheuchte ihre blinkende Leidenschaft. Der Himmel rollte
Still wie ein Rad am Ackerwagen, und kein Geschrei war
Der Millionen entlaufenen Tiere.
O dieser Lärm! Der Mond selbst trommelt dumpf.
Die Sterne flöten nachts. Dem Tod am Morgen
Ist Licht nicht heilig. Seht: er erschlägt der Sonne
Goldene Pauke.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Mein Bruder“ von Klabund ist eine melancholische Reflexion über Verlust, Krieg und die Unwiederbringlichkeit vergangener Zeiten. Es drückt die Erfahrung von Entfremdung und die Zerstörung der Unschuld aus, die durch Krieg und Gewalt verursacht werden. Das Ich-Erzähler erinnert sich an eine frühere, idyllische Zeit in dem Land, das er nun wiederbesucht, und vergleicht die Vergangenheit mit der grausamen Gegenwart.
Die ersten vier Zeilen beschreiben die Vertrautheit des Ich-Erzählers mit der Landschaft: „Ich war schon einmal in diesem Land daheim.“ Die vertrauten Elemente wie „polnische Kuppel“, „Baum“ und „Wolke“ wecken Erinnerungen an eine Zeit des Friedens. Doch die Erinnerung ist getrübt. Die Wolke, die einst sanft am Herzen des Erzählers lag, ist jetzt anders, nicht mehr so ruhig und friedlich. Der Kontrast zwischen der vertrauten Umgebung und der veränderten Gefühlswelt des Erzählers deutet auf eine tiefgreifende Veränderung, die durch äußere Einflüsse wie Krieg oder Gewalt verursacht wurde.
In den folgenden vier Zeilen wird die Zerstörung dieser Harmonie beschrieben. Der „Rauch“ verscheucht die „blinkende Leidenschaft“ der Wolke, ein Symbol für die Zerstörung der Unschuld und die Verhärtung der Welt. Das Bild des Himmels, der „still wie ein Rad am Ackerwagen“ rollt, wird durch den „Lärm“ der Gegenwart gestört. Das Fehlen des „Geschreis“ der Tiere, das in der Vergangenheit stillschweigend toleriert wurde, deutet auf eine neue, brutale Realität hin, in der Millionen Tiere geflohen sind, was ein Zeichen des Krieges und des Leids ist.
Die letzten vier Zeilen sind von einer düsteren und beunruhigenden Atmosphäre geprägt. Der „Lärm“ wird als allgegenwärtig und überwältigend dargestellt, bis in den Mond, der nun „dumpf trommelt“. Die Sterne, die einst Trost spendeten, „flöten nachts“ und der Tod, als Personifizierung, ist nun allgegenwärtig und erschlägt sogar die Sonne, die „goldene Pauke“. Das Ende des Gedichts ist von Hoffnungslosigkeit gekennzeichnet, die Unfähigkeit, das alte Paradies wiederherzustellen. Die Metaphern und Bilder, die in diesen Zeilen verwendet werden, verdeutlichen die Zerstörung der Natur und die grausame Realität des Krieges.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.