Marietta
Kabarett zum roten Strich.
Leise flog der bunte Vogel
Über Busch und über Kogel
Unabänderlich.
Du und ich und dies und das
Unter Buchen auf dem Moose –
Eine kleine weiße Rose
Nahmst du aus dem Wasserglas.
Einmal fand ich deinen Schenkel
Kleine Rose milder Gier.
Große Mutter warst du mir,
Und ich war dir wie ein Enkel.
So wie wenn ich sterben müßte,
Dreizehn Jahre alt und jung,
Nebel und Erinnerung
Fiel ich zwischen deine Brüste.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Marietta“ von Klabund offenbart in seinen vier Strophen eine dichte, impressionistische Szene, die von Vergänglichkeit, dem Reiz des Verbotenen und der Erfahrung von frühem Erwachsenwerden geprägt ist. Der erste Vers „Kabarett zum roten Strich“ deutet bereits eine gewisse Künstlichkeit und den Abstieg in eine Unterwelt an, der durch die „bunte[n] Vögel“ unterstrichen wird, die „unabänderlich“ ihren Weg gehen. Dies schafft eine Atmosphäre der Unausweichlichkeit und des Schicksals. Der Hinweis auf den „roten Strich“ könnte sich auf die Grenze zwischen Gut und Böse beziehen, oder auf eine gesellschaftliche oder moralische Grenze, die im Gedicht überschritten wird.
Die zweite Strophe verlagert die Szene in eine idyllisch anmutende Natur, die durch „Buchen“ und „Moose“ charakterisiert wird. Das „Du und ich“ deutet auf eine intime Beziehung hin, die durch die Geste des „Nehmens“ einer „kleine[n] weiße[n] Rose“ aus dem Wasserglas zusätzlich betont wird. Die Rose steht hier wahrscheinlich für Reinheit, Schönheit und möglicherweise auch für die Fragilität der Beziehung. Gleichzeitig wird die Idylle durch das Eindringen von etwas Unausgesprochenem gestört, was durch die Metapher der Rose im Wasserglas angedeutet wird: Sie ist aus ihrer natürlichen Umgebung entrissen und in einer künstlichen Umgebung platziert.
Die dritte Strophe enthüllt dann die eigentliche Natur der Beziehung: Der Sprecher gesteht, den Schenkel der Marietta „gefunden“ zu haben. Dies signalisiert ein erstes Überschreiten der Grenzen, ein Moment der Entdeckung sexueller Begierde. Die Formulierung „Kleine Rose milder Gier“ deutet auf eine Mischung aus Zuneigung und Verlangen hin. Die ungewöhnliche Gleichsetzung Mariettas mit einer „Große[n] Mutter“ und des Sprechers mit einem „Enkel“ wirft Fragen nach der Natur der Beziehung auf. Es impliziert eine Kombination aus mütterlicher Zärtlichkeit, jugendlichem Begehren und möglicherweise auch einer verbotenen, inzestuösen Komponente.
In der vierten und letzten Strophe wird die Stimmung noch düsterer und endet in einem Gefühl der Trauer und des Verlustes. Der Vergleich mit dem Sterben und die Metaphern von „Nebel“ und „Erinnerung“ deuten auf das Flüchtige der Erfahrung hin. Die Zeile „Fiel ich zwischen deine Brüste“ suggeriert ein Gefühl der Geborgenheit und des Untergangs zugleich. Die Erfahrung, die hier beschrieben wird, scheint eine intensive, aber kurzlebige Begegnung gewesen zu sein, die den jungen Sprecher tiefgreifend beeinflusst hat. Das Gedicht schließt mit einem melancholischen Nachhall des Bedauerns und der Unausweichlichkeit des Vergehens.
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Lizenz und Verwendung
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