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Ich wohnte unter vielen vielen Leuten…

Von

Ich wohnte unter vielen vielen Leuten
Und sah sie alle tot und stille stehn,
Sie sprachen viel von hohen Lebensfreuden
Und liebten, sich im kleinsten Kreis zu drehn;
So war mein Kommen schon ein ewig Scheiden
Und jeden hab ich einmal nur gesehn,
Denn nimmer hielt mich′s, flüchtiges Geschicke
Trieb wild mich fort, sehnt ich mich gleich zurücke.

Und manchem habe ich die Hand gedrücket,
Der freundlich meinem Schritt entgegensah,
Hab in mir selbst die Kränze all gepflücket,
Denn keine Blume war, kein Frühling da,
Und hab im Flug die Unschuld mit geschmücket,
War sie verlassen meinem Wege nah;
Doch ewig ewig trieb mich′s schnell zu eilen,
Konnt niemals nicht des Werkes Freude teilen.

Rund um mich war die Landschaft wild und öde,
Kein Morgenrot, kein goldner Abendschein,
Kein kühler Wind durch dunkle Wipfel wehte,
Es grüßte mich kein Sänger in dem Hain;
Auch aus dem Tal schallt keines Hirten Flöte,
Die Welt schien mir in sich erstarrt zu sein.
Ich hörte in des Stromes wildem Brausen
Des eignen Fluges kühne Flügel sausen.

Nur in mir selbst die Tiefe zu ergründen,
Senkt ich ins Herz mit Allgewalt den Blick;
Doch nimmer konnt es eigne Ruhe finden,
Kehrt trübe in die Außenwelt zurück,
Es sah wie Traum das Leben unten schwinden,
Las in den Sternen ewiges Geschick,
Und rings um mich ganz kalte Stimmen sprachen:
»Das Herz, es will vor Wonne schier verzagen.«

Ich sah sie nicht die großen Süßigkeiten,
Vom Überfluß der Welt und ihrer Wahl
Mußt ich hinweg mit schnellem Fittich gleiten.
Hinabgedrückt von unerkannter Qual,
Konnt nimmer ich den wahren Punkt erbeuten
Und zählte stumm der Flügelschläge Zahl,
Von ewigen unfühlbar mächtgen Wogen
In weite weite Ferne hingezogen.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Ich wohnte unter vielen vielen Leuten... von Clemens Brentano

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Ich wohnte unter vielen vielen Leuten…“ von Clemens Brentano beschreibt die Erfahrung eines Individuums, das sich als Außenseiter in einer Gesellschaft von Menschen wahrnimmt, unfähig, dauerhafte Beziehungen zu knüpfen oder wahre Freude zu erfahren. Der Sprecher steht getrennt von den anderen, die in ihrem „kleinsten Kreis“ verharren, während er selbst, getrieben von einem „flüchtigen Geschicke“, ständig weiterziehen muss. Dieses Gefühl der Entfremdung wird durch die Metapher des „ewigen Scheidens“ und der flüchtigen Begegnungen verstärkt, was auf eine tiefe Unfähigkeit zur Verbundenheit hindeutet. Die Thematik des rastlosen Reisens wird durch die Betonung der ständigen Bewegung im Gedicht dargestellt.

Im zweiten Teil des Gedichts wird die Einsamkeit des Sprechers weiter vertieft. Obwohl er anderen die Hand drückt und versucht, Bindungen einzugehen, ist er letztendlich dazu verdammt, ohne die Freude an diesen Beziehungen zu leben. Die Metaphern des Pflückens von Kränzen „in mir selbst“ und des Schmückens der Unschuld weisen auf eine innere Suche nach Schönheit und Sinn hin, die jedoch erfolglos bleibt. Die Umgebung, beschrieben als „wild und öde“, spiegelt das innere Gefühl der Leere und Isolation wider. Die Abwesenheit von Naturphänomenen wie Morgenrot, Abendsonne oder einem singenden Vogel unterstreicht die trostlose Atmosphäre, die das Leben des Sprechers durchdringt.

Der dritte Teil des Gedichts fokussiert auf die innere Welt des Sprechers. Er versucht, seine eigene Tiefe zu ergründen, indem er sein Herz betrachtet, findet aber keine Ruhe. Stattdessen kehrt er „trübe“ in die Außenwelt zurück, wo er das Leben nur als „Traum“ wahrnimmt. Die Zeile „Las in den Sternen ewiges Geschick“ deutet auf eine Auseinandersetzung mit dem Schicksal und dem Versuch, Sinn in der unaufhaltsamen Bewegung zu finden. Der Kontrast zwischen der inneren Suche und der kalten Reaktion der äußeren Welt, die sich in den Worten „Das Herz, es will vor Wonne schier verzagen“ manifestiert, zeigt das Gefühl der Überforderung und des Scheiterns.

Im letzten Teil des Gedichts wird die Unfähigkeit des Sprechers, die Freuden des Lebens wahrzunehmen und zu genießen, noch deutlicher. Er muss „hinweg mit schnellem Fittich gleiten“, getrieben von „unerkannter Qual“. Die Metapher der „ewigen, unfühlbar mächtgen Wogen“, die ihn „in weite, weite Ferne“ ziehen, verstärkt das Gefühl der Machtlosigkeit und des Verlusts der Kontrolle über sein eigenes Schicksal. Die Zählung der „Flügelschläge“ symbolisiert die monotone und unaufhaltsame Bewegung, die das Leben des Sprechers kennzeichnet, und unterstreicht sein Gefühl der Isolation und des Getriebenseins.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.