Logo der Website, Schriftzug "Poesie Oase" mit Palmen umrandet.
, , , , , , ,

Horch: deine Seele

Von

Vom Vater- und Muttergeist geformt und beschworen,
Aus Nachtmeer und Schweigen, aus Wolkenfall-Schicht,
Aus dem Schoße des ewigen Kreisens geboren:
Fiel ich aufschluchzend stirnlings ins Licht.

Nun bin ich erdereich und bin auch arm:
Ich halte Kiesel prüfend in der Hand,
Mein Schuh trägt Staub von Werk und Land,
Ein Weib ist mir Gefährtin, stark und warm.
Und Volk umspült mich breit im Schreiten –
Doch Brot und Milch ist mir nicht mehr als Glück und Harm
Und Schlacht und Schlaf nicht mehr als Stundengleiten.
Es schwillt der Tag und summt mein Blut,
Was wäre mir nicht atemnah und häuslich gut –

Warum nun immer meine Sehnsucht treibt
Und nach den Flügeln alle Sinne stürzen?
Zu und zu und niemals schlafend bleibt –
Wie nutzlos Tag und Leben sich verkürzen –
Brich auf, flieg auf mit hundert Segelwinden!
Einmal mußt Du die Heimat wiederfinden,
Daraus man Dich ins Leben schuf!
Es wölbt vom Anfang sich der Vater-Ruf
Und groß von Mutterewigkeit umfächelt
Singt Deine sphärenferne Seele jugendlich
Und singt erlöst und glänzt und lächelt
Und wartet nur auf Dich.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Horch: deine Seele von Gerrit Engelke

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Horch: deine Seele“ von Gerrit Engelke ist eine tiefgründige Reflexion über die menschliche Existenz und die Suche nach dem Ursprung des Selbst. Es beginnt mit der Beschreibung der Geburt des Ichs, geformt von „Vater- und Muttergeist“, aus dem „Nachtmeer und Schweigen“ und der „Wolkenfall-Schicht“. Diese Metaphern deuten auf eine Ursprünglichkeit und einen präexistenzialen Zustand hin, aus dem das lyrische Ich in die Welt eintritt, „aufschluchzend stirnlings ins Licht“. Dies etabliert sofort einen Kontrast zwischen der vorweltlichen Leere und dem nun erlebten, irdischen Dasein.

Im zweiten Teil des Gedichts wird die Erfahrung des irdischen Lebens beschrieben. Das lyrische Ich ist „erdereich und […] arm“, eine ambivalente Formulierung, die das Verhaftetsein in der Welt und die gleichzeitige Leere widerspiegelt. Es hält „Kiesel prüfend in der Hand“, erlebt die „Staub von Werk und Land“ und hat eine „stark und warm“e Gefährtin. Das Ich ist Teil der Gesellschaft, wird vom „Volk“ umspült, erlebt „Brot und Milch“ ebenso wie „Schlacht und Schlaf“. Doch all diese Erfahrungen scheinen nicht zu genügen. Sie werden als „Glück und Harm“ und „Stundengleiten“ relativiert, was eine tiefe Unzufriedenheit andeutet. Das „Tag“ schwillt und das „Blut summt“, aber die Sehnsucht bleibt bestehen.

Die zentrale Frage des Gedichts wird im letzten Abschnitt aufgeworfen: „Warum nun immer meine Sehnsucht treibt?“ Die Antwort liegt in der Sehnsucht nach dem Ursprung, nach der „Heimat“, aus der das Ich geschaffen wurde. Die Metaphern „Flügel“, „Segelwinden“ und der Aufruf „Brich auf, flieg auf“ drücken den Wunsch nach Befreiung von den irdischen Zwängen und der Rückkehr zu einer höheren, geistigen Ebene aus. Der „Vater-Ruf“ und die „Mutterewigkeit“ deuten auf eine transzendentale Sehnsucht hin.

Das Gedicht schließt mit einer hoffnungsvollen Vision. Die „sphärenferne Seele“ des lyrischen Ichs wird als „jugendlich“ beschrieben, was die Erneuerung und die Möglichkeit der Erlösung symbolisiert. Sie „singt erlöst und glänzt und lächelt“ und „wartet nur auf Dich“. Dies deutet darauf hin, dass die Seele sich nach der Rückkehr zu ihrem Ursprung sehnt und dort ihre wahre Erfüllung findet. Die Sehnsucht nach der Heimat ist also nicht nur ein Ausdruck der Unzufriedenheit mit dem irdischen Leben, sondern auch ein Hinweis auf ein transzendentes Ziel und die Hoffnung auf ein ewiges Glück.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.