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Gleich der Lilie, die erhöhet…

Von

Gleich der Lilie, die erhöhet
Unter Dornen leuchtend steht,
So die Freundin rein erhöhet
Unter andern Töchtern steht.

Wie die Lilie leuchtend strahlet
Klar und rein und ohne Schuld,
Steht Maria lichtdurchstrahlet
Von des Himmels Gnad und Huld.

Dornen viel aus ihrem Stamme
Trafen sie in ihrem Sohn,
Doch des Herzens reine Flamme
Gab für Bittres süßen Lohn;

Denn wenn sie die Dornen spornen,
Duftet sie nochmal so süß,
Drum als Lilie unter Dornen
Sie das hohe Lied auch pries.

In der Lilie sieben Speere
Tragen goldne Körnlein lind,
Weil des heilgen Geistes Ehre
Siebenfach in Strahlen rinnt.

Nieder sind sie reich getauet
Zu des ewgen Königs Sohn,
Als er liebend hat gebauet
In der Lilie seinen Thron.

Einst auch strahlt zur letzten Stunde,
Wenn er uns zu richten kehrt,
Aus des ewgen Wortes Munde
Rechts die Lilie, links das Schwert.

Rechts die Lilie, die Gnade,
Links das Schwert, gerecht und streng,
Links hin führen breite Pfade,
Rechts hin Pfädlein, schmal und eng.

O du Lilie unter Dornen!
O du Mutter gnadenvoll!
Lasse mich durch Leiden spornen,
Wie ich rechts hin wandeln soll.

Gut wohl ist es mit den Frommen
Fromm zu sein, mit Reinen rein,
Aber es ist hoch vollkommen,
Unter Dornen Lilie sein.

Drum in Dornen hoch erhöhet
Die geliebte Lilie blüht,
Die da für die Sünder flehet,
Bis das Heil sie niederzieht.

Bis aus ihr, dem Kelch der Gnade,
Stieg des heilgen Geistes Frucht,
Jesus, der auf dorngem Pfade
Das verlorne Schäflein sucht,

Der da durch die Dornen dringet
Nach der Lilie, nach der Braut,
Bis er sie zu Tage ringet
In der Kirche Blut betaut,

Die mit Rosen hoch verzieret,
Die mit Lilien rein geschmückt,
In den Martyr′n triumphieret,
In den Jungfraun still entzückt.

Die als Brautleib auserwählet
Mit des höchsten Königs Sohn
Ewig jubelnd wird vermählet
Vor des Vaters heilgem Thron.

Siehst die Lilie du, Adele!
Und das Kindlein auch dabei,
Sorge treu, daß deine Seele
Für das Kindlein Lilie sei!

Dieses Lied sang von der Lilie,
Der in Dornen weidend geht,
Weil sie reimet auf Emilie,
Die sub rosa sich versteht.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Gleich der Lilie, die erhöhet... von Clemens Brentano

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Gleich der Lilie, die erhöhet…“ von Clemens Brentano ist eine tiefgründige, religiös geprägte Allegorie, die die Jungfrau Maria mit einer Lilie vergleicht, die inmitten von Dornen erblüht. Die zentrale Metapher der Lilie steht für Reinheit, Schönheit und Gnade, während die Dornen für die Leiden und das Unrecht der Welt stehen. Das Gedicht ist in einer erbaulichen Sprache verfasst und spiegelt Brentanos religiösen Hintergrund wider.

Brentano nutzt die Lilie als Symbol für Marias Unschuld und ihre Erhöhung inmitten der irdischen Leiden. Die Dornen, die Maria und ihren Sohn Jesus treffen, repräsentieren die Prüfungen und das Leid, das sie im Leben erfahren haben. Trotz dieser Dornen behält die Lilie ihre Reinheit und ihre Schönheit, was die Stärke und Standhaftigkeit Marias im Angesicht des Leidens symbolisiert. Die wiederkehrende Betonung der Gnade, der Huld und des „heilgen Geistes“ unterstreicht die göttliche Dimension der Marienfigur und ihren tröstenden Einfluss.

Das Gedicht entwickelt diese zentralen Bilder weiter, indem es die Lilie mit verschiedenen Aspekten des christlichen Glaubens verbindet. Die sieben Speere, die die Lilie tragen, symbolisieren die Gaben des Heiligen Geistes. Die Lilie wird auch in Beziehung zum ewigen König, also Gott, gesetzt, und der Thron des Königs wird in der Lilie erbaut. Im letzten Gericht wird die Lilie als Symbol der Gnade dem Schwert der Gerechtigkeit gegenübergestellt, wobei die Lilie den schmalen, rechten Pfad zur Erlösung darstellt.

Das Gedicht endet mit einer direkten Ansprache an Adele und eine indirekte an Emilie, die durch die Reimform eingebunden ist. Durch die Anrufung von Adele und die Aufforderung, ihre Seele zur Lilie zu machen, fordert Brentano die Leser auf, sich Marias Beispiel anzuschließen und trotz der Widrigkeiten des Lebens ihre Reinheit und ihren Glauben zu bewahren. Die abschließenden Strophen, die auf Emilie durch ein Wortspiel anspielen, zeigen die Verbindung von Brentanos religiöser Dichtung mit seinem eigenen persönlichen und kulturellen Kontext, was dem Gedicht eine zusätzliche, persönliche Note verleiht.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Brentanos Gedicht eine ergreifende Reflexion über die Rolle Marias im christlichen Glauben ist. Es verwendet die Metapher der Lilie, um die Reinheit, Gnade und Hoffnung darzustellen, die durch das Leiden hindurchscheinen. Die Sprache ist bildhaft und die religiöse Botschaft tiefgründig, wodurch das Gedicht eine Quelle der Inspiration und des Trostes für Gläubige darstellt.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.