Gärtnerlied im Liedergarten der Liebe

Clemens Brentano

1778

Du dauerst mich Seele! Der so hat gesungen Die lieblichste Kehle, Die süß′ste der Zungen. Wie kannst du noch leben, Noch andere Lippen Mit Küssen umschweben? Ich ging in den Klippen Berauschet zu Grund, Hätt je mich so innig, So innig und sinnig Der blühende Mund Der Lieder-Sirene Begrüßet im Bund. Ein Liebender bin ich Und weih eine Träne Dir, nüchterne Seele, Dir hat Philomele In Liedern gerungen, Mich hat sie bezwungen, Den Garten der Wonne Der andern zu bauen, O süßes Vertrauen! Ich lenke die Bronnen, Die trunken verronnen, Daß frisch sie betauen Die Blumen, die Lichter, Die Sterne, die Strahlen, Die Farben der Dichter, Um Liebe zu malen, O seliges Dienen! Dem Herzen, dem armen Ist′s süß, zu erwarmen So sonnenbeschienen Vom Himmel der Augen Ist′s süß, um die schwülen Gefühle zu kühlen, Die tötenden Gluten In hüpfende Fluten Der Lieder zu tauchen, Worin sie die Schmerzen, Die Feuer aushauchen Vom liebenden Herzen Ergoß und erkühlte, Bis Friede sie fühlte. O Gluten durchwühlt mich, In denen sie wühlte, O Fluten umkühlt mich, In denen sie kühlte, O Wellen umspielt mich, In denen sie spielte, O Blüten umblüht mich, In denen sie blühte, O Lieder durchglüht mich, In denen sie glühte, O stammelnde Lieder Voll Wahrheit und Güte, Mit feurigem Hauche, Mit Tränen im Auge, Klingt wieder, klingt wieder, Mein sind eure Leiden, Das Ringen, das Zagen, Das Scheiden, das Meiden, Das bittre Entsagen. Weint nieder, weint nieder, Ihr stammelnden Lieder. Euch liebt sie, euch schrieb sie, Ich lieb euch, ich lieb sie, Doch sie liebt nicht wieder, Ihr sehnenden Lieder! Süß ist, eure schlanken Verlangenden Ranken Mit Zier auf und nieder Zu schlingen, zu winden, In Lauben zu binden; Und muß hin und wieder Ein Reblein ich schneiden, Muß gleich ich mit leiden, Die Wunden, sie weinen, Da muß ich mich sehnen, O liebliche Lieder! Es sind eure Tränen Auch immer die meinen, So such ich und finde Die süßen Gedanken Und binde und winde Sie träumend in Schranken. Und irre die Pfade Der Luftlabyrinthe Bis hin zum Gestade, Wo unter der Linde Die dichtende Gnade Dem liebenden Kinde Im geistigen Bade So leuchtend, so linde Erkühlet die Glut, O selige Flut, O trunkener Spiegel Der schimmernden Glieder, Du küßtest das Siegel Der lieblichen Lieder, Wie war dir zu Mut? Und wie ich so sehne, Da lockt die Sirene; Komm nieder, komm nieder, Hier hat sie geruht, Hier duftet der Flieder, Hier ist es so gut, Hier löst sie das Mieder Und taucht in die Flut Das Wonnegefieder Der Phönix; ihr Blut Hat hier in den Wogen Gebadet die Triebe Und ist dann geflogen Durch Feuer und Glut, Und hat seine Liebe, Die rot war, verglühet, Bis weiß sie erblühet In heiligem Licht, So sang ein Gedicht.

Mich aber, mich haben Die Wogen begraben, In Flammen so rot Ergriff mich der Tod! Ach! wüßt es die Linder Sie riefe die Kinder, Und käme mit Segen Ans Ufer gekniet Und sänge ein Lied, Das Gott könnt bewegen, Weil gern sie vergibt, Sich mein zu erbarmen, Des Ärmsten der Armen, Der heiß sie geliebt, Der alles ihr Lieben Auch selber muß üben Und der in den Trieben, Die sie überlebt, Zu sterben nicht bebt.

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Illustration zu Gärtnerlied im Liedergarten der Liebe

Interpretation

Das Gedicht "Gärtnerlied im Liedergarten der Liebe" von Clemens Brentano thematisiert die überwältigende Wirkung von Poesie und Liebe auf die Seele des lyrischen Ichs. Die Sirene, als Symbol für die Macht der Poesie, hat das lyrische Ich mit ihren Liedern in einen Zustand der Verzauberung und des Verzücktseins versetzt. Das Ich fühlt sich von der Schönheit und Intensität der Lieder so ergriffen, dass es sich selbst als "Liebender" bezeichnet und bereit ist, für die Poesie zu leiden. Das lyrische Ich vergleicht sich mit einem Gärtner, der die "Bronnen" lenkt, um die "Blumen, die Lichter, die Sterne, die Strahlen, die Farben der Dichter" zu bewässern und zu pflegen. Es fühlt sich berufen, die "Glut" der Liebe und der Poesie in "Fluten" zu verwandeln, um die "tödlichen" Gefühle zu kühlen und Frieden zu finden. Die Poesie wird als ein "Bad" beschrieben, in dem das lyrische Ich Trost und Erleichterung von seinen Schmerzen findet. Das Gedicht endet mit einem dramatischen Wendepunkt: Das lyrische Ich fühlt sich von den "Wogen" der Poesie "begraben" und vom "Tod" in "Flammen so rot" ergriffen. Es sehnt sich danach, von der "Linder" (einer möglichen Retterin oder Erlöserin) erhört und erlöst zu werden. Das lyrische Ich ist bereit, für die Liebe und die Poesie zu sterben, da es sich als der "Ärmste der Armen" fühlt, der "alles ihr Lieben auch selber muß üben".

Schlüsselwörter

lieder denen nieder süß muß seele innig sirene

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Die tötenden Gluten In hüpfende Fluten
Anapher
Du dauerst mich Seele! Der so hat gesungen
Binnenreim
Das Ringen, das Zagen, Das Scheiden, das Meiden
Enjambement
Ich ging in den Klippen Berauschet zu Grund
Hyperbel
Die lieblichste Kehle, Die süßeste der Zungen
Kontrast
Die rot war, verglühet, Bis weiß sie erblühet
Metapher
Der Garten der Wonne
Personifikation
Die Wogen begraben
Reimschema
AABB
Symbolik
Die Phönix; ihr Blut Hat hier in den Wogen Gebadet die Triebe