Es weiß und rät es doch keiner
Es weiß und rät es doch keiner,
Wie mir so wohl ist, so wohl!
Ach, wüßt es nur einer, nur einer,
Kein Mensch es sonst wissen soll!
So still ist′s nicht draußen im Schnee,
So stumm und verschwiegen sind
Die Sterne nicht in der Höh,
Als meine Gedanken sind.
Ich wünscht′, es wäre schon Morgen,
Da fliegen zwei Lerchen auf,
Die überfliegen einander,
Mein Herz folgt ihrem Lauf.
Ich wünscht′, ich wäre ein Vöglein
Und zöge über das Meer,
Wohl über das Meer und weiter,
Bis daß ich im Himmel wär!
Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Es weiß und rät es doch keiner“ von Joseph von Eichendorff ist eine zutiefst persönliche und intime lyrische Äußerung über ein Gefühl des tiefen Glücks, das der Sprecher hütet und geheim halten möchte. Die Verse atmen eine Atmosphäre der Geborgenheit und des Friedens, wobei die gewählte Sprache und Bildwelt die innere Verfassung des Sprechers widerspiegeln.
Die ersten beiden Strophen etablieren die Kernstimmung des Gedichts. Die wiederholte Betonung von „so wohl“ deutet auf ein unbeschreibliches Wohlbefinden, das der Sprecher empfindet. Gleichzeitig unterstreicht die Zeile „Kein Mensch es sonst wissen soll!“ den Wunsch nach Geheimhaltung und die Kostbarkeit dieses Gefühls, das er vor der Welt zu verbergen sucht. Die Metaphern der Stille – „so still ist’s nicht draußen im Schnee, / So stumm und verschwiegen sind / Die Sterne nicht in der Höh“ – verdeutlichen die Tiefe und Introspektion, die dieses Glück begleiten. Der Sprecher scheint sich in einer Art innerer Einkehr zu befinden, die ihm diesen Zustand des Wohlbefindens ermöglicht.
In den beiden folgenden Strophen wird der Wunsch nach Aufbruch und Freiheit artikuliert, wobei die Natur als Inspirationsquelle dient. Der Wunsch, dass „es wäre schon Morgen“ impliziert eine Sehnsucht nach Neuanfang und die Bereitschaft, das Glück in die Welt zu tragen. Die „zwei Lerchen“, die in den Himmel aufsteigen, symbolisieren die Freiheit und Leichtigkeit, nach der sich das Herz des Sprechers sehnt. Die abschließende Verwandlung in ein Vöglein, das „über das Meer und weiter“ fliegen möchte, bis es im Himmel ist, zeigt einen noch größeren Wunsch nach Loslösung von irdischen Begrenzungen und nach dem Erreichen einer höheren, transzendenten Ebene. Dieser Drang nach Unendlichkeit und Freiheit spiegelt die tiefe Sehnsucht wider, die mit dem anfänglichen Gefühl des Glücks verbunden ist.
Insgesamt ist das Gedicht eine feinfühlige Erkundung der menschlichen Psyche, die die Komplexität von Glück, Geheimnis und Sehnsucht nach Freiheit thematisiert. Eichendorff gelingt es, die innere Welt des Sprechers in eine wunderschöne, bildreiche Sprache zu übersetzen, die den Leser in die intime Atmosphäre des Glücks und der Sehnsucht eintauchen lässt. Die Einfachheit der Sprache und die klaren Bilder machen das Gedicht zu einem universellen Ausdruck menschlicher Empfindungen, der auch heute noch berührt und nachklingt.
Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.
Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.