Ein Becher voll von süßer Huld…
Ein Becher voll von süßer Huld
Und eine glühnde Ungeduld
Und eine arme trunkne Schuld
Sie lehren mich zu flehen!
Du Becher voll von süßer Huld
Vergib der glühnden Ungeduld
Vergib die arme trunkne Schuld,
Die ins Gericht will gehen.
Den Becher voll von süßer Huld
Darf heut die glühnde Ungeduld
Zur Buße armer trunkner Schuld
Nicht sehn, und möcht vergehen!
Das freut den Becher süßer Huld
Das schmerzt die glühnde Ungeduld
Das straft die arme trunkne Schuld
Mit bittern, bittern Wehen.
O Becher voll von süßer Huld,
Woll′ nicht die glühnde Ungeduld,
Ob ihrer armen trunknen Schuld,
Die heute büßt, verschmähen.
Fließ über Becher süßer Huld,
Werd Asche glühnde Ungeduld,
Die mag die arme trunkne Schuld
Gemischt mit Tränen säen.
Auf daß du Becher süßer Huld
Um dich in Schmerzen der Geduld,
Still auf dem Grab der armen Schuld
Die Lilie kann erstehen.
Die Lilie, die voll süßer Huld,
Du sahst im Garten der Geduld
Mit Stern und Engel ohne Schuld
Du leuchten hast gesehen.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Ein Becher voll von süßer Huld“ von Clemens Brentano ist eine tiefgründige Auseinandersetzung mit den Themen Schuld, Vergebung und Erlösung. Es handelt von der Sehnsucht nach Gnade und der inneren Zerrissenheit, die durch die Konflikte zwischen Leidenschaft, Reue und dem Wunsch nach einem Neuanfang entstehen. Der zentrale Begriff „Huld“ steht dabei für die göttliche Gnade und Barmherzigkeit, die als einzige Rettung aus dem Kreislauf von Schuld und Leid gesehen wird. Die wiederholte Anrufung des Bechers voller „süßer Huld“ verdeutlicht die dringende Bitte um Vergebung und die Hoffnung auf Trost.
Die „glühnde Ungeduld“ verkörpert die ungestümen Leidenschaften und das Verlangen, das den Menschen in die Schuld treibt. Im Gegensatz dazu steht die „arme trunkne Schuld“, die die Folgen der eigenen Verfehlungen und das daraus resultierende Leid repräsentiert. Die Metaphern der „glühnden Ungeduld“ und der „armen trunknen Schuld“ deuten auf die destruktiven Kräfte hin, die im Menschen wirken und ihn zu Fehltritten verleiten. Das Gedicht beschreibt somit einen inneren Kampf, in dem die Protagonistin versucht, ihre Sünden zu sühnen und die Vergebung der „Huld“ zu erlangen.
Die Struktur des Gedichts, mit seinen sich wiederholenden Strophen und dem variierenden Inhalt, unterstreicht die innere Unruhe und die Zerrissenheit der Protagonistin. Die ständige Wiederholung des „Bechers voll von süßer Huld“ verstärkt die Dringlichkeit des Gebets und die Verzweiflung über die eigene Schuld. Die letzten Strophen deuten auf eine mögliche Erlösung durch Buße und die Hoffnung auf einen Neuanfang hin. Das Bild der Lilie, die „auf dem Grab der armen Schuld“ ersteht, symbolisiert die Hoffnung auf Wiedergeburt und die Überwindung des Leids.
Brentano verwendet eine einfache, aber eindringliche Sprache, die durch ihre Wiederholungen und Reime eine meditative Wirkung erzielt. Die Personifizierung von „Ungeduld“ und „Schuld“ verleiht den abstrakten Begriffen eine greifbare Form und macht den inneren Konflikt der Protagonistin umso deutlicher. Die Verwendung von Bildern wie „Becher“, „Asche“ und „Lilie“ erzeugt eine dichte Symbolik, die dem Gedicht eine tiefere Bedeutungsebene verleiht. Das Gedicht thematisiert somit die menschliche Suche nach Vergebung und die Hoffnung auf Erlösung durch göttliche Gnade, wobei es die innere Zerrissenheit und das Leid des Menschen eindrücklich zum Ausdruck bringt.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.