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Die traurige Krönung

Von

Es war ein König Milesint,
Von dem will ich euch sagen:
Der meuchelte sein Bruderskind,
Wollte selbst die Krone tragen.
Die Krönung ward mit Prangen
Auf Liffey-Schloß begangen.
O Irland, Irland! warest du so blind?

Der König sitzt um Mitternacht
Im leeren Marmorsaale,
Sieht irr in all die neue Pracht,
Wie trunken von dem Mahle.
Er spricht zu seinem Sohne:
„Noch einmal bring′ die Krone!
Doch schau, wer hat die Pforten aufgemacht?“

Da kommt ein seltsam Totenspiel,
Ein Zug mit leisen tritten,
Vermummte Gäste groß und viel,
Eine Krone schwankt inmitten;
Es drängt sich durch die Pforte
Mit Flüstern ohne Worte:
Dem Könige, dem wird so geisterschwül.

Und aus der schwarzen Menge blickt
Ein Kind mit frischer Wunde,
Es lächelt sterbensweh und nickt,
Es macht im Saal die Runde,
Es trippelt zu dem Throne,
Es reichet eine Krone
Dem Könige, das Herze tief erschrickt.

Darauf der Zug von dannen strich,
Von Morgenluft berauschet.
Die Kerzen flackern wunderlich,
Der Mond am Fenster lauschet.
Der Sohn mit Angst und Scheigen
Zum Vater tät sich neigen –
Er neiget über eine Leiche sich.

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Gedicht: Die traurige Krönung von Eduard Mörike

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Die traurige Krönung“ von Eduard Mörike erzählt eine düstere Geschichte von Mord, Machtgier und dem Fluch, der auf einem König lastet. Es beginnt mit König Milesint, der seinen Neffen ermordet, um selbst die Krone zu erlangen. Die pompöse Krönungszeremonie im Liffey-Schloss steht im krassen Gegensatz zu dem düsteren Geheimnis, das über dem König lastet. Die anfängliche Frage, „O Irland, Irland! warest du so blind?“ deutet bereits auf die moralische Verblendung und das bevorstehende Unheil hin, das über das Land hereinbrechen wird, da die Wahrheit nicht erkannt wird.

Die eigentliche Tragödie entfaltet sich in der Mitternachtsstunde. Im leeren Marmorsaal, überwältigt von der neuen Pracht und vermutlich von der Schuld, wird der König von einem unheimlichen Totenspiel heimgesucht. Ein Zug von vermummten Gästen, vermutlich Geistern oder den Opfern von Milesints Machenschaften, betritt den Saal. Inmitten dieses Zuges schwebt eine Krone, die auf das kommende Unheil hinweist. Die Ankunft dieses Spukzuges unterstreicht die Thematik der Schuld und der Vergeltung.

Der Höhepunkt des Gedichts ist der Auftritt eines Kindes mit einer frischen Wunde, das offenbar das ermordete Bruderskind des Königs repräsentiert. Das Kind lächelt, ein makabres Zeichen des Todes, und reicht dem König eine Krone, die offenbar die Krone des Todes darstellt. Diese Szene verdeutlicht die Vergeltung für Milesints Verbrechen. Die Reue und das Schuldgefühl des Königs sind so tief, dass er gezwungen ist, die Konsequenzen seiner Taten zu akzeptieren.

Das Gedicht endet mit dem Abzug des Geisterzugs und dem Blick des Sohnes auf die Leiche. Die Szene ist von einer beklemmenden Atmosphäre des Schreckens und der Tragik geprägt. Der Mond am Fenster, der das Geschehen beobachtet, verstärkt die Unheimlichkeit. Die finale Szene, in der der Sohn sich über der Leiche seines Vaters beugt, unterstreicht das schreckliche Ende der Geschichte. Die Krone wird zu einem Symbol der Macht, die mit Blut erkauft wurde und letztlich den Tod bringt. Die traurige Krönung ist somit eine Geschichte über die zerstörerische Kraft der Machtgier und die unausweichliche Vergeltung für begangene Verbrechen.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.