Die Frauen gehen an Don Juan vorüber
Geh! Weib!
Deinen Leib,
Dein Wort,
Was du denkst:
Kenne ich längst!
Geh! fort!
Du mit dem Glutblick,
Du Schwarze erschrick:
Ich spei dich an!
Ich lache deiner Liebe, –
Weißt ja, Triebe
Hat der Mann.
Dir hab ich frech das Herz entblößt
Und holden Wahnsinn eingeflößt;
Und dein Blut war wie Gärwein flüssig; –
Auch du warst einst für mich entbrannt,
Doch glaub, du warst mir Tand.
Ihr wart mir Alle, Alle überdrüssig!
Mehr, mehr! schneller vorbei!
Du Blonde, du Donna, du Annamarei!
Daß endlich die endlose Kette
Ein Ende nimmt –
Wieder, wieder zuckt ein Mund, glimmt
Ein Blick vorbei –
Kommt nur, ihr andern aus der Ferne:
Du, wie zittern deine Augensterne;
Du mit dem Mundrubin – hah! ich kenne euch nicht!
Doch, Weiber ihr, schön und verflucht,
Wo ist die, die ich meines Lebens Ewigkeit gesucht?
Wankt doch die Eine schon im Licht? –
Ich hebe wieder mein verwüstet Herz
Zu neuer Sehnsucht, neuem Schmerz:
Ich sehe selig den verklärten Leib
Der Einen, der sich meine Adern weiten,
Den Strahlenweg hernieder gleiten –
Komm! Du! – Komm, Weib!
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Die Frauen gehen an Don Juan vorüber“ von Gerrit Engelke ist ein kraftvolles und desillusioniertes Gedicht über die Leere und den Überdruss des legendären Frauenhelden Don Juan. Es ist keine Feier der Eroberung, sondern eine bittere Abrechnung mit der Oberflächlichkeit und Vergänglichkeit der erotischen Abenteuer. Don Juan, der Inbegriff männlicher Verführung, blickt auf eine paradeartig vorbeiziehende Reihe von Frauen, aber anstatt Befriedigung oder Triumph, verspürt er nur Ekel, Langeweile und Sehnsucht nach etwas Unbestimmtem.
Die Struktur des Gedichts spiegelt die Monotonie wider, die Don Juan empfindet. Wiederholte Imperative wie „Geh! fort!“ und der fragmentierte Stil – kurze Sätze, Ausrufe und abrupte Wechsel – vermitteln die Ungeduld und den Abscheu, die er für die Frauen empfindet. Er kennt ihre Tricks, ihre Worte, ihre „Triebe“ längst, und die vermeintliche Leidenschaft, die sie ihm entgegenbringen, ist ihm nur noch widerwärtig. Die Verwendung von direkten Anreden wie „Du mit dem Glutblick“ oder „Du Blonde, du Donna, du Annamarei!“ reduziert die Frauen auf Typen, auf austauschbare Objekte seiner Begierde.
Trotz der Überdrüssigkeit, die Don Juan bekundet, zeugt das Gedicht auch von einer tiefen Sehnsucht. Er sucht nach etwas, das über die flüchtige Befriedigung hinausgeht. Die Frage „Wo ist die, die ich meines Lebens Ewigkeit gesucht?“ verrät eine Leere, die durch die vielen Eroberungen nicht gefüllt werden kann. Das Gedicht deutet an, dass Don Juan nach einer wahren, tiefen Liebe sucht, nach einer Frau, die ihn wirklich berühren kann, und nicht nur seine fleischlichen Gelüste befriedigt. Die abschließende Zeile „Komm! Du! – Komm, Weib!“ ist ein verzweifelter Appell, ein letzter Versuch, diese Sehnsucht zu stillen, ob nun erfolgreich oder nicht.
Engelkes Gedicht ist ein düsteres Porträt desillusionierter Männlichkeit, das die Ambivalenz von Verführung, Begehren und der Suche nach Sinn in einer Welt der oberflächlichen Beziehungen beleuchtet. Es ist eine Abkehr von der romantischen Vorstellung des charmanten Verführers und zeigt stattdessen die Leere, die entsteht, wenn die Suche nach Vergnügen zum Selbstzweck wird. Das Gedicht wirft Fragen nach der Bedeutung von Liebe, Sehnsucht und der menschlichen Suche nach Erfüllung auf, und tut dies mit einer rohen Direktheit und einer melancholischen Tiefe.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.