Die Ahnen des Hauses

Gerrit Engelke

1921

Ziegelstein an Ziegelstein mit Kalk und Schweiß geklebt – Rote, weißgefugte Mauer über Mauern strebt – Winden knirschen – Hände heben, fassen – Axtschall – roher Dachstuhl Richtfestbier – Tür und Fensterglas ward eingelassen – So wuchsest du in dieser Straße hier:

Kummergraue, fünfstockhohe Mietskaserne. Achtzigfensterbreite, mit dem Gärtchen schmal davor, Mit dem Eisentor, der trüben Flurlaterne –

Du Haus, das Jahr um Jahr vom Sonnenprall bemalt, Von Hagelschnee und Regensturz beträuft, bestrichen, Von Dämmerung umrauscht, von Winternächten überschlichen, Vom Mond, von Gaslaternenschein bestrahlt – Von Wagenfahrt erschüttert und von Straßenbraus, Von Kinderschrei, von Werkstattlärm durchzittert, Von Sterbezimmerschweigen schwül durchwittert – Du, des kleinen Lebens und des großen Todes Haus.

Wer hat nicht diese Dielen, diese Schwellen schon beschritten, Hinter diesen Türen Sorge oder Liebe schon gelitten, Am Küchentisch das karge Brot gebrochen, Aus Zeitungen von Krieg und Politik gesprochen – All des Alltags Wandrer, die hier eingezogen: Arbeitsmann und junges Weib; Rentnerpaar, verarmt, vom Leben nur betrogen, Mit stillem Sinn, erloschnem Leib; Handwerksmeister mit den sieben lauten Jungen; Schreiber, Händler, Lehrerstochter, die so gern gesungen – –

Wieviel schwarze Särge sah man auch hinunter schleppen. Wieviel neue Mieter, neue Menschen kamen; Trugen Möbel, stiegen über diese Treppen, Andere Familien, andere Gesichter, andre Namen. Von deren Glück und Fluch und dringlichem Gebet Der Schatten noch in diesen Räumen weht.

Geist der Väter, die hier feierabendlich versammelt waren, O′ Geist der herben Mütter, die in diesen Wänden Kinder einst gebaren, Kleinkindergeist ins graue Licht der Not gezwängt – Beschirmt uns unter diesem Dache, da wir wohnen, Die wir, wie ihr auch einst mit Schweiß und Kraft der Arbeit fronen; Seid Ahnengeist, der mit Zufriedenheit beschenkt Und tiefe Schlummernächte nach dem schweren Tage senkt.

Und segnet uns das Brot, das heiß erworbene, Ungekannte, fortgezogne, still verstorbne Menschengeister dieses Hauses.

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Illustration zu Die Ahnen des Hauses

Interpretation

Das Gedicht "Die Ahnen des Hauses" von Gerrit Engelke erzählt von der Entstehung und dem Leben eines Mietshauses, das durch die harte Arbeit der Vorfahren entstanden ist. Es beschreibt die physische Struktur des Hauses, das Jahr für Jahr den Elementen ausgesetzt ist und von den Geräuschen des täglichen Lebens erfüllt wird. Das Gedicht zeichnet ein lebendiges Bild von den verschiedenen Menschen, die im Laufe der Zeit in diesem Haus gelebt haben, von Arbeitern und jungen Paaren bis hin zu verarmten Rentnern und Handwerksmeistern mit vielen Kindern. Es thematisiert auch die Trauer und den Abschied, den das Haus miterlebt hat, als Särge getragen und neue Mieter eingezogen sind. Die zweite Hälfte des Gedichts richtet den Blick auf die Geister der Vorfahren, die in diesem Haus gelebt und gearbeitet haben. Es ruft den "Geist der Väter" und der "herben Mütter" an, die in diesen Wänden Kinder geboren haben. Das Gedicht bittet diese Ahnengeister, die aktuellen Bewohner zu beschützen und ihnen Zufriedenheit und erholsamen Schlaf nach einem harten Arbeitstag zu schenken. Es endet mit einem Segen für das "heiß erworbene" Brot und erinnert an die unbekannten, fortgezogenen und verstorbenen Menschen, die einst in diesem Haus gelebt haben. Das Gedicht vermittelt eine tiefe Verbundenheit mit den Vorfahren und dem Haus selbst, das als Zeuge des Lebens und des Todes dient.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Seid Ahnengeist, der mit Zufriedenheit beschenkt
Personifikation
O′ Geist der herben Mütter, die in diesen Wänden Kinder einst gebaren