Die Lokomotive
1922Da liegt das zwanzigmeterlange Tier, Die Dampfmaschine, Auf blankgeschliffner Schiene, Voll heißer Wut und sprungbereiter Gier - Da lauert, liegt das langgestreckte Eisen-Biest - Sieh da: wie Öl- und Wasserschweiß, Wie Lebensblut, gefährlich heiß, Ihm aus den Radgestängen, den offnen Weichen, fließt; Es liegt auf sechzehn roten Räder-Pranken, Wie fiebernd, langgeduckt zum Sprunge, Und Fieberdampf stößt röchelnd aus den Flanken. Es kocht und kocht die Röhrenlunge - Den ganzen Rumpf die Feuerkraft durchzittert, Er ächzt und siedet, zischt und hackt Im hastigen Dampf- und Eisentakt - Dein Menschenwort wie nichts im Qualm zerflittert. Das Schnauben wächst und wächst - Du stummer Mensch erschreckst - Du siehst die Wut aus allen Ritzen gären - Der Kesselröhren-Atemdampf Ist hochgewühlt auf sechzehn Atmosphären: Gewalt hat jetzt der heiße Krampf: Das Biest, es brüllt, das Biest, es brüllt, Der Führer ist in Dampf gehüllt - Der Regulatorhebel steigt nach links: Der Eisen-Stier harrt dieses Winks! Nun bafft vom Rauchrohr Kraftgeschnauf: Nun springt es auf! nun springt es auf!
Doch:
Ruhig gleiten und kreisen auf endloser Schiene Die treibenden Räder hinaus auf dem blänkernden Band, Gemessen und massig die kraftangefüllte Maschine, Der schleppende, stampfende Rumpf hinterher -
Dahinter - ein dunkler - verschwimmender Punkt - Darüber - zerflatternder - Qualm -
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Interpretation
Das Gedicht "Die Lokomotive" von Gerrit Engelke beschreibt die Lokomotive als ein mächtiges, fast lebendiges Wesen. In den ersten Strophen wird die Lokomotive als ein zwanzig Meter langes Tier dargestellt, das auf den Schienen liegt und bereit ist, loszuspringen. Die Dampfmaschine wird als ein langgestrecktes Eisen-Biest beschrieben, das vor Wut und Gier strotzt. Die Hitze und der Dampf werden als Lebenssaft und Schweiß des Tieres personifiziert, der aus den Radgestängen und offenen Weichen fließt. Die Lokomotive wird als fiebernd und sprungbereit dargestellt, mit röchelndem Fieberdampf, der aus ihren Flanken stößt. Die Röhrenlunge kocht und der ganze Rumpf wird von der Feuerkraft durchzittert. Die Geräusche der Lokomotive werden als Ächzen, Sieden, Zischen und Haken im hastigen Dampf- und Eisentakt beschrieben. Die Worte des Menschen verlieren sich im Qualm. In den nächsten Strophen wird die Wut und Gewalt der Lokomotive weiter verstärkt. Das Schnauben wächst und der Kesselröhren-Atemdampf wird auf sechzehn Atmosphären hochgewirbelt. Die Gewalt des heißen Krampfes nimmt zu und das Biest brüllt. Der Führer ist in Dampf gehüllt und der Regulatorhebel steigt nach links, was darauf hindeutet, dass die Lokomotive bereit ist, loszufahren. Das Biest wartet auf dieses Zeichen und schnauft kraftvoll aus dem Rauchrohr. Es springt auf und beginnt seine Reise. In den letzten Strophen ändert sich die Stimmung des Gedichts. Die Lokomotive gleitet und kreist ruhig auf der endlosen Schiene. Die treibenden Räder bewegen sich gemessen und massig, gefüllt mit Kraft. Der schleppende und stampfende Rumpf folgt dahinter. Im Hintergrund ist nur noch ein dunkler, verschwimmender Punkt zu sehen, während darüber der Qualm zerflattert.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- zerflatternder - Qualm
- Personifikation
- Der Eisen-Stier harrt dieses Winks