Der Wegelagerer
Es ist ein Land, wo die Philister thronen,
Die Krämer fahren und das Grün verstauben,
Die Liebe selber altklug feilscht mit Hauben –
Herr Gott, wie lang willst du die Brut verschonen!
Es ist ein Wald, der rauscht mit grünen Kronen,
Wo frei die Adler horsten, und die Tauben
Unschuldig girren in den grünen Lauben,
Die noch kein Fuß betrat – dort will ich wohnen!
Dort will ich nächtlich auf die Krämer lauern
Und kühn zerhaun der armen Schönheit Bande,
Die sie als niedre Magd zu Markte führen.
Hoch soll sie stehn auf grünen Felsenmauern,
Daß mahnend über alle stillen Lande
Die Lüfte nachts ihr Zauberlied verführen.
Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Der Wegelagerer“ von Joseph von Eichendorff ist eine romantische Rebellion gegen die bürgerliche, materialistische Welt. Es präsentiert eine krasse Gegenüberstellung von zwei Welten: der Welt der Philister, der Krämer und der „altklugen“ Liebe, und der Welt der Natur, der Freiheit und der idealisierten Schönheit. Der Sprecher drückt eine tiefe Abneigung gegen die konventionelle Gesellschaft aus und findet seinen Sehnsuchtsort in der unberührten Natur, wo er sich nach Freiheit und wahrer Schönheit sehnt.
Die erste Strophe beschreibt die von Eichendorff verachtete Welt der Philister: eine Welt des Handels, der Materie und der eingeschränkten, kommerzialisierten Liebe. Die „Krämer“ symbolisieren den banalen Alltag und die Oberflächlichkeit, die „Hauben“ stehen für die durch Kalkül und Vernunft eingeengte Liebe. Der Sprecher beklagt diese Welt und fragt rhetorisch nach der Geduld Gottes, was seine Verzweiflung und seinen Wunsch nach Veränderung verdeutlicht. Der Ausdruck „Herr Gott, wie lang willst du die Brut verschonen!“ ist ein deutlicher Ausdruck des Zorns und der Ungeduld über die etablierte Ordnung.
In der zweiten Strophe wechselt die Perspektive in die Idylle des Waldes, wo die Natur als Inbegriff von Freiheit und Reinheit dargestellt wird. „Frei die Adler horsten, und die Tauben/Unschuldig girren in den grünen Lauben“. Hier findet der Sprecher seinen Zufluchtsort. Die Natur steht im Gegensatz zur materiellen Welt und verkörpert die Sehnsucht nach dem Unberührten und Unverdorbenen. Der Wunsch, dort zu wohnen, deutet auf die radikale Abkehr von der bürgerlichen Welt hin zu einer romantischen Utopie.
Die letzte Strophe enthüllt die konkrete Handlung des Sprechers: Er will zum „Wegelagerer“ werden, der die „armen Schönheit Bande“ zerschlägt, die als „niedre Magd zu Markte führen“. Die Schönheit steht für die idealistische, wahre Schönheit, die in der bürgerlichen Welt missbraucht und kommerzialisiert wird. Der Sprecher will sie befreien, sie auf „grünen Felsenmauern“ erheben, damit ihr „Zauberlied“ in die Welt getragen wird. Diese radikale Handlung ist ein Aufschrei der romantischen Sehnsucht nach Freiheit und Unschuld und ein Protest gegen die materialistische Gesellschaft.
Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.
Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.