Der Töneschichter
Er saß im Urgebraus am Chaosmeer
Zur Nacht, zur Nacht,
Sein Auge war von allen Dingen schwer:
Voll Zeugungsnacht –
Da warf er seinen Becher in die Flut,
Die Flut war schwarz und tief und tief,
Er hob ihn wieder: voll von rotem Blut
Und trank und warf ihn wieder tief –
Er trank sich voll und übervoll
Bis ihm die Seele überschwoll:
Da strömte wild aus seiner Kehle
Ein Flutgesang:
Von Erd- und Leibespracht,
Von Mensch- und Welten-Zeugungsnacht,
Vom Hirn und von der großen Liebesseele –
Dann kam die allertiefste Nacht
Und schwer der All-Schlaf.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Der Töneschichter“ von Gerrit Engelke beschreibt die schöpferische Urkraft, die aus dem Chaos heraus die Welt erschafft. Der „Töneschichter“, ein Wortspiel aus „Töne“ und „Schichter“ (Schöpfer), sitzt am „Chaosmeer“ in der Nacht, einer Urzeit, in der alles im Werden ist. Sein Auge ist schwer, was auf die Last der Verantwortung und die Fülle der ungeborenen Dinge hinweist. Die „Zeugungsnacht“ impliziert eine Zeit der unbegrenzten Möglichkeiten und des Schöpfungspotenzials.
Die Handlung des Gedichts ist geprägt von der wiederholten Geste des Werfens und Trinkens des Bechers. Dieser Becher, der zunächst ins schwarze, tiefe Meer geworfen wird, wird dann mit „rotem Blut“ gefüllt wieder hervorgeholt. Das rote Blut symbolisiert Lebenskraft, Energie und die Essenz des Seins, die der Schöpfer in sich aufnimmt. Durch das wiederholte Trinken wird er „voll“ und „übervoll“, was seine Seele zum Überschwimmen bringt, also seine Kreativität entfesselt.
Der Höhepunkt des Gedichts ist der „Flutgesang“, der aus der Kehle des Töneschichters strömt. Dieser Gesang ist ein Ausdruck der Schöpfung, der von „Erd- und Leibespracht“, der Schönheit der physischen Welt, von „Mensch- und Welten-Zeugungsnacht“, der Zeugung von Leben und Welt und vom „Hirn“ und der „großen Liebesseele“ handelt. Es ist ein Gesang der Befreiung, der die Essenz der Schöpfung in sich trägt. Der Gesang umfasst die gesamte Bandbreite des Lebens von der physischen bis zur spirituellen Ebene.
Das Gedicht endet mit der „allertiefsten Nacht“ und dem „All-Schlaf“. Dies deutet auf das Ende des schöpferischen Prozesses hin, die Vollendung des Werkes. Der Schlaf ist nicht als Tod, sondern als Ruhephase, als Erholung von der Anstrengung des Schaffens zu verstehen. Der Schöpfer hat sein Werk vollbracht, und die Welt, die im Chaos begann, findet ihren Abschluss in einer neuen Ordnung, bereit für einen neuen Kreislauf. Engelke thematisiert hier das ewige Prinzip der Schöpfung und Zerstörung als wesentlichen Bestandteil der menschlichen Erfahrung und der Weltordnung.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.