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Der irre Spielmann

Von

Aus stiller Kindheit unschuldiger Hut
Trieb mich der tolle, frevelnde Mut.
Seit ich da draußen so frei nun bin,
Find ich nicht wieder nach Hause mich hin.

Durchs Leben jag ich manch trügrisch Bild,
Wer ist der Jäger da? Wer ist das Wild?
Es pfeift der Wind mir schneidend durchs Haar,
Ach Welt, wie bist du so kalt und klar!

Du frommes Kindlein im stillen Haus,
Schau nicht so lüstern zum Fenster hinaus!
Frag mich nicht, Kindlein, woher und wohin?
Weiß ich doch selber nicht, wo ich bin!

Von Sünde und Reue zerrissen die Brust,
Wie rasend in verzweifelter Lust,
Brech ich im Fluge mir Blumen zum Strauß,
Wird doch kein fröhlicher Kranz daraus! –

Ich möcht in den tiefsten Wald wohl hinein,
Recht aus der Brust den Jammer zu schrein,
Ich möchte reiten ans Ende der Welt,
Wo der Mond und die Sonne hinunterfällt.

Wo schwindelnd beginnt die Ewigkeit,
Wie ein Meer, so erschrecklich still und weit,
Da sinken all Ström und Segel hinein,
Da wird es wohl endlich auch ruhig sein.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Der irre Spielmann von Joseph von Eichendorff

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Der irre Spielmann“ von Joseph von Eichendorff thematisiert die Erfahrung des Entwurzelns und der Orientierungslosigkeit im Leben. Der Spielmann, eine Figur, die traditionell für Freiheit und Ungebundenheit steht, beschreibt seine persönliche Odyssee, die durch einen „tollen, frevelnden Mut“ in Gang gesetzt wurde. Er verlässt die „stille Kindheit unschuldiger Hut“ und begibt sich in eine Welt, in der er die Fähigkeit verloren hat, nach Hause zurückzukehren. Dies deutet auf einen Bruch mit Geborgenheit und Tradition hin, verbunden mit dem Beginn einer Suche, die sich als ziellos erweist.

Die zweite Strophe verdeutlicht das Dilemma des Spielmanns. Er jagt durch das Leben, wobei unklar bleibt, wer Jäger und wer Gejagter ist. Die Welt erscheint ihm kalt und klar, was die Entfremdung von jeglicher Wärme und Vertrautheit unterstreicht. Der schneidende Wind im Haar symbolisiert die raue Wirklichkeit, die ihn ständig konfrontiert. Das lyrische Ich beschreibt eine Welt, in der es keine klaren Ziele oder Orientierungen gibt und in der die Identität des Spielmanns durch die Frage „Wer ist der Jäger da? Wer ist das Wild?“ in Frage gestellt wird.

In den folgenden Strophen spricht der Spielmann ein „frommes Kindlein“ an, das er vor der Welt warnt. Er selbst ist unfähig, Fragen nach Herkunft und Ziel zu beantworten. Die Zeilen „Von Sünde und Reue zerrissen die Brust, / Wie rasend in verzweifelter Lust“ deuten auf innere Zerrissenheit und einen Konflikt zwischen Lust und Reue hin. Das Pflücken von Blumen für einen Strauß, der jedoch kein „fröhlicher Kranz“ wird, symbolisiert das Scheitern, Freude und Erfüllung im Leben zu finden. Das Gedicht wird hier zu einem Ausdruck der inneren Leere, der Zerrissenheit und der Vergeblichkeit.

Das Gedicht gipfelt in der Sehnsucht nach Ruhe und dem Wunsch, dem Chaos zu entkommen. Der Spielmann sehnt sich nach dem tiefsten Wald, um seinen Jammer herauszuschreien, oder nach dem „Ende der Welt“, wo Mond und Sonne untergehen. Diese Sehnsucht nach dem „Meer, so erschrecklich still und weit“ und der unendlichen Ewigkeit, in die „all Ström und Segel hinein sinken“, steht für den Wunsch nach Auflösung, nach Ruhe und Frieden, die der Spielmann in seinem rastlosen Leben nicht finden konnte. Das Gedicht endet mit dem hoffnungsvollen Gedanken, dass dort endlich Ruhe einkehren könnte.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.