Der Götter Irrfahrt
1837(Nach einer Volkssage der Tongainseln)
1
Unten endlos nichts als Wasser, Droben Himmel still und weit, Nur das Götterland, das blasse, Lag in Meereseinsamkeit, Wo auf farbenlosen Matten Gipfel wie in Träumen stehn, Und Gestalten ohne Schatten Ewig lautlos sich ergehn.
Zwischen grauen Wolkenschweifen, Die verschlafen Berg und Flut Mit den langen Schleiern streifen, Hoch der Göttervater ruht. Heut zu fischen ihn gelüstet, Und vom zack′gen Felsenhang In des Meeres grüne Wüste Senket er die Schnur zum Fang.
Sinnend sitzt er, und es flattern Bart und Haar im Sturme weit, Und die Zeit wird ihm so lange In der stillen Ewigkeit. Da fühlt er die Angel zucken: »Ei, das ist ein schwerer Fisch!« Freudig fängt er an zu rucken, Stemmt sich, zieht und windet frisch.
Sieh, da hebt er Felsenspitzen Langsam aus der Wasser Grund, Und erschrocken aus den Ritzen Schießen schuppge Schlangen bunt; Ringelnd′ Ungetüm′ der Tiefen, Die im öden Wogenhaus In der grünen Dämmrung schliefen, Stürzen sich ins Meer hinaus.
Doch der Vater hebt aufs neue, Und Gebirge, Tal und Strand Taucht allmählich auf ins Freie, Und es grünt das junge Land, Irrend farbge Lichter schweifen Und von Blumen glänzt die Flur, Wo des Vaters Blick′ sie streifen - Da zerreißt die Angelschnur.
Wie ′ne liebliche Sirene Halb nun überm Wellenglanz, Staunend ob der eignen Schöne, Schwebt es mit dem Blütenkranz, Bei der Lüfte lindem Fächeln Sich im Meer, das rosig brennt, Spiegelnd mit verschämtem Lächeln - Erde sie der Vater nennt.
2
Staunend auf den Göttersitzen Die Unsterblichen nun stehn, Sehn den Morgen drüben blitzen, Fühlen Duft herüberwehn, Und so süßes Weh sie spüren, Lösen leis ihr Schiff vom Strand, Und die Lüfte sie verführen Fern durchs Meer zum jungen Land.
O wie da die Quellen sprangen In die tiefe Blütenpracht Und Lianen dort sich schlangen Glühend durch die Waldesnacht! Und die Wandrer trunken lauschen, Wo die Wasserfälle gehn, Bis sie in dem Frühlingsrauschen Plötzlich all erschrocken stehn:
Denn sie sehn zum ersten Male Nun die Sonne niedergehn Und verwundert Berg′ und Tale Tief im Abendrote stehn, Und der schönste Gott von allen Sank erbleichend in den Duft, Denn dem Tode ist verfallen, Wer geatmet irdsche Luft.
Die Genossen faßt ein Grauen, Und sie fahren weit ins Meer, Nach des Vaters Haus sie schauen, Doch sie finden′s nimmermehr. Mußten aus den Wogenwüsten Ihrer Schiffe Schnäbel drehn Wieder nach des Eilands Küsten, Ach, das war so falsch und schön!
Und für immer da verschlagen Blieben sie im fremden Land, Hörten nachts des Vaters Klagen Oft noch fern vom Götterstrand. - Und nun Kindeskinder müssen Nach der Heimat sehn ins Meer, Und es kommt im Wind ein Grüßen, Und sie wissen nicht woher.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Götter Irrfahrt" von Joseph von Eichendorff handelt von der Erschaffung der Erde durch einen Göttervater, der beim Fischen einen gewaltigen Fisch an der Angel hat. Durch das Hochziehen dieses Fisches entsteht Land mit Bergen, Tälern und Stränden. Die Götter sind von der Schönheit der neuen Erde so begeistert, dass sie mit ihren Schiffen dorthin segeln. Dort erleben sie die Pracht der Natur und zum ersten Mal den Sonnenuntergang. Doch der schönste Gott verstirbt, da er irdische Luft geatmet hat. Die Götter fliehen in Panik zurück aufs Meer, können aber das Götterland nicht mehr finden. Sie bleiben für immer im fremden Land gestrandet und hören nachts noch die Klagen des Vaters. Die Nachkommen schauen sehnsüchtig ins Meer und spüren eine unbestimmte Sehnsucht nach der verlorenen Heimat. Das Gedicht verarbeitet eine polynesischen Sage und thematisiert die Erschaffung der Erde durch einen Gott, die Begeisterung der Götter für die neue Welt, den Untergang eines Gottes durch den Kontakt mit der irdischen Welt und die Verbannung der Götter auf die Erde. Es vermittelt eine Stimmung von tiefer Sehnsucht und Melancholie. Die Götter sind von der Schönheit der Erde so fasziniert, dass sie ihre Heimat aufgeben, aber dann von ihr ausgestoßen werden. Sie bleiben als Fremde auf der Erde zurück und sehnen sich ihr Leben lang nach ihrer verlorenen Heimat. Auch die Nachkommen spüren diese unbestimmte Sehnsucht und blicken sehnsüchtig ins Meer. Eichendorff verwendet eine bilderreiche, poetische Sprache, um die Erschaffung der Erde und die Begeisterung der Götter zu schildern. Die Natur wird in ihren schönsten Farben und Formen beschrieben. Die Götter erscheinen als freundliche, neugierige Wesen, die sich von der neuen Welt verzaubern lassen. Der Untergang des schönsten Gottes durch das Einatmen irdischer Luft ist ein Schlüsselmoment, der den Kontakt mit der Erde als gefährlich und tödlich erscheinen lässt. Das Gedicht endet mit dem Bild der verbannten Götter und ihrer Nachkommen, die für immer im Exil auf der Erde leben und eine tiefe Sehnsucht nach ihrer verlorenen Heimat verspüren.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Wind ein Grüßen
- Personifikation
- Kindeskinder müssen