Der alte Garten
Kaiserkron‘ und Päonien rot,
die müssen verzaubert sein,
denn Vater und Mutter sind lange tot,
was blühn sie hier so allein?
Der Springbrunnen plaudert noch immerfort
von der alten schönen Zeit,
eine Frau sitzt eingeschlafen dort,
ihre Locken bedecken ihr Kleid.
Sie hat eine Laute in der Hand,
als ob sie im Schlafe spricht,
mir ist, als hätt‘ ich sie sonst gekannt –
still geh vorbei und weck sie nicht!
Und wenn es dunkelt das Tal entlang,
streift sie die Saiten sacht,
da gibt′s einen wunderbaren Klang
durch den Garten die ganze Nacht.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Der alte Garten“ von Joseph von Eichendorff beschreibt eine melancholische Szene in einem verwunschenen Garten, der von Vergänglichkeit und Erinnerung geprägt ist. Die ersten beiden Strophen etablieren eine Atmosphäre der Einsamkeit und des Geheimnisvollen. Die prächtigen, aber allein blühenden Blumen – Kaiserkronen und rote Päonien – lassen auf eine vergangene Zeit schließen, in der dieser Garten lebendig war. Der Hinweis auf den Tod von Vater und Mutter verstärkt den Eindruck des Verlassenseins und der Trauer.
Die zweite Strophe fügt dem Bild eine weitere Dimension hinzu: der Springbrunnen, der unablässig von einer vergangenen, schönen Zeit „plaudert“, und die Frau, die eingeschlafen im Garten sitzt. Diese Frau, von der vermutet wird, dass sie eine ehemalige Bewohnerin des Gartens oder eine Manifestation der Erinnerung ist, hält eine Laute in der Hand. Sie scheint in einen tiefen Schlaf gefallen zu sein, der durch die Zeit und den Verlust vertieft wurde. Der Erzähler spürt eine Vertrautheit mit ihr und wird instinktiv davon abgehalten, sie zu wecken. Dies deutet auf eine Verbindung zu der Vergangenheit und der Sehnsucht nach dieser hin, die in dem Gedicht erweckt wird.
Die letzte Strophe verstärkt die magische und geheimnisvolle Atmosphäre. Sobald die Dunkelheit hereinbricht, spielt die Frau auf ihrer Laute. Dies erzeugt einen wunderbaren Klang, der durch den gesamten Garten dringt. Der Nachtklang verstärkt die Idee, dass dieser Garten ein Ort der Träume, der Erinnerungen und des Verborgenen ist. Das Gedicht endet mit einer Andeutung von etwas Übernatürlichem und unbegreiflichem, das in den alten Gärten und in den Herzen, die sich nach ihnen sehnen, existiert.
Eichendorff bedient sich einer einfachen, bildreichen Sprache, um eine tiefgreifende Stimmung zu erzeugen. Die Verwendung von Personifikationen wie „der Springbrunnen plaudert“ und der Beschwörung von Bildern wie der Frau mit der Laute verleihen dem Gedicht eine romantische, fast märchenhafte Qualität. Der Garten selbst wird zum Symbol für die Vergangenheit, für verlorene Lieben und für die unaufhörliche Sehnsucht nach der verlorenen Unschuld und Schönheit. Die Stimmung des Gedichts ist eine Mischung aus Melancholie, Nostalgie und einer stillen Ehrfurcht vor der geheimnisvollen Kraft der Erinnerung.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.