Auf ein Ei geschrieben
Ostern ist zwar schon vorbei,
Also dies kein Osterei;
Doch wer sagt, es sei kein Segen,
Wenn im Mai die Hasen legen?
Aus der Pfanne, aus dem Schmalz
Schmeckt ein Eilein jedenfalls,
Und kurzum, mich tät’s gaudieren,
Dir dies Ei zu präsentieren,
Und zugleich tät es mich kitzeln,
Dir ein Rätsel drauf zu kritzeln.
Die Sophisten und die Pfaffen
Stritten sich mit viel Geschrei:
Was hat Gott zuerst erschaffen,
Wohl die Henne? wohl das Ei?
Wäre das so schwer zu lösen?
Erstlich ward ein Ei erdacht:
Doch weil noch kein Huhn gewesen,
Schatz, so hat’s der Has gebracht.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Auf ein Ei geschrieben“ von Eduard Mörike ist ein humorvolles und spielerisches Gedicht, das sich mit der uralten Frage nach der Henne und dem Ei sowie dem Ursprung der Schöpfung auseinandersetzt. Mörike verwendet eine lockere, fast umgangssprachliche Sprache, die den Leser sofort einnimmt und die Ernsthaftigkeit des Themas zugunsten eines Augenzwinkerns aufhebt. Der erste Teil des Gedichts, der aus einer Art Widmung besteht, suggeriert eine fröhliche und unbeschwerte Stimmung, indem er das Bild eines Eies aus der Pfanne als köstliche Gaumenfreude darstellt.
Der zweite Teil des Gedichts widmet sich der eigentlichen Frage nach der Erschaffung von Henne und Ei. Indem Mörike die philosophische Auseinandersetzung der „Sophisten und Pfaffen“ mit spöttischem Unterton behandelt, entlarvt er die Sinnlosigkeit des Streits um die Reihenfolge. Die Pointe des Gedichts liegt in der überraschenden Auflösung: Nicht Gott, nicht die Henne, sondern der Hase hat das Ei gelegt! Diese humorvolle Wendung, die mit dem Osterbrauchtum spielt, unterstreicht die spielerische Absicht des Dichters, der mit Konventionen bricht und eine humorvolle Antwort auf eine uralte Frage liefert.
Die Verwendung des Wortes „Schatz“ am Ende des Gedichts, welches sich an eine imaginäre Empfängerin oder einen Leser richtet, verstärkt den spielerischen Charakter und die Vertrautheit des Gedichts. Diese Ansprache unterstreicht die Intimität und den humorvollen Ton, der das gesamte Gedicht kennzeichnet. Mörike macht sich hier über die intellektuelle Arroganz lustig, indem er eine überraschende und phantasievolle Lösung präsentiert, die die traditionellen Erwartungen auf den Kopf stellt.
Insgesamt ist „Auf ein Ei geschrieben“ ein charmantes Gedicht, das mit Leichtigkeit und Witz die Philosophie aufgreift und sie gleichzeitig entlarvt. Mörike nutzt die Gelegenheit, um die Leser zum Schmunzeln zu bringen und gleichzeitig über die Absurdität des menschlichen Denkens zu reflektieren. Die Verbindung von Humor, Fantasie und einer lockeren Sprache macht dieses Gedicht zu einem erfrischenden Beitrag zur deutschen Lyrik.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.