Logo der Website, Schriftzug "Poesie Oase" mit Palmen umrandet.
, , , , , ,

Auf der Reise

Von

Zwischen süßem Schmerz,
Zwischen dumpfen Wohlbehagen
Sitz′ ich nächtlich in dem Reisewagen,
Lasse mich so weit von dir, mein Herz,
Weit und immer weiter tragen.

Schweigend sitz′ ich und allein,
Ich wiege mich in bunten Träumen,
Das muntre Posthorn klingt darein,
Es tanzt der liebe Mondenschein
Nach diesem Ton auf Quellen und auf Bäumen,
Sogar zu mir durchs enge Fensterlein.

Ich wünsche mir nun dies und das.
O könnt′ ich jetzo durch ein Zauberglas
Ins Goldgewebe deines Traumes blicken!
Vielleicht dann säh′ ich wieder mit Entzücken
Dich in der Laube wohlbekannt.
Ich sähe Genovevens Hand
Auf deiner Schulter traulich liegen,
Am Ende säh′ ich selber mich,
Halb keck und halb bescheidentlich,
An deine holde Wange schmiegen.

Doch nein! wie dürft′ ich auch nur hoffen,
Daß jetzt mein Schatten bei dir sei!
Ach, stünden deine Träume für mich offen,
Du winktest wohl auch wachend mich herbei!

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Auf der Reise von Eduard Mörike

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Auf der Reise“ von Eduard Mörike beschreibt die kontemplative Stimmung eines Reisenden, der sich in der Nacht in einem Reisewagen befindet und von seiner Geliebten getrennt ist. Das lyrische Ich befindet sich in einem Zustand zwischen „süßem Schmerz“ und „dumpfen Wohlbehagen“, ein Ausdruck der emotionalen Zerrissenheit zwischen der Sehnsucht nach der Abwesenheit und der stillen, fast schon genussvollen Einsamkeit der Reise. Der Reisende wird von der Umgebung getragen, sowohl physisch durch den Wagen als auch emotional durch die eigenen Gedanken und Träume.

Der zweite Teil des Gedichts führt die Vorstellungskraft des lyrischen Ichs aus. Es träumt von der Geliebten, wünscht sich, in ihre Träume blicken zu können, und malt sich eine romantische Szene aus, in der sie sich in vertrauter Umgebung befinden. Diese imaginierte Szene wird von einem „muntren Posthorn“ und „Mondenschein“ begleitet, die eine idyllische Atmosphäre schaffen. Die Zeilen „Es tanzt der liebe Mondenschein / Nach diesem Ton auf Quellen und auf Bäumen, / Sogar zu mir durchs enge Fensterlein“ veranschaulichen eine Einheit von Natur, Musik und Sehnsucht, die das lyrische Ich trotz der räumlichen Trennung verbindet.

Die letzten Strophen stellen einen Bruch dar, eine Rückkehr zur Realität und zur Erkenntnis der unüberwindbaren Distanz. Das lyrische Ich realisiert, dass seine Träume nur Illusionen sind und dass die Sehnsucht nach der Geliebten nicht durch diese ersetzt werden kann. Die Zeilen „Doch nein! wie dürft′ ich auch nur hoffen, / Daß jetzt mein Schatten bei dir sei!“ drücken die Resignation und die Einsamkeit aus, die mit der Trennung einhergehen. Der Wunsch, von der Geliebten herbeigewinkt zu werden, bleibt unerfüllt, wodurch die Melancholie des Gedichts noch verstärkt wird.

Mörikes Gedicht ist somit eine Auseinandersetzung mit der Thematik von Trennung, Sehnsucht und Illusion. Es zeigt die menschliche Tendenz, in Träumen und Fantasien Trost zu suchen, aber auch die Erkenntnis, dass die Realität oft von diesen Träumen abweicht. Die klare Sprache und die sanften Bilder erzeugen eine intime Atmosphäre, die den Leser in die emotionale Welt des Reisenden eintauchen lässt. Das Gedicht ist ein tiefgründiger Ausdruck der Liebe und des Schmerzes, die mit der Entfernung von einem geliebten Menschen einhergehen.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.