An Wilhelm Hartlaub
1804Durchs Fenster schien der helle Mond herein: Du saßest am Klavier im Dämmerschein, Versankst im Traumgewühl der Melodien, Ich folgte dir an schwarzen Gründen hin, Wo der Gesang versteckter Quellen klang Gleich Kinderstimmen, die der Wind verschlang. Doch plötzlich war dein Spiel wie umgewandt, Nur blauer Himmel schien noch ausgespannt, Ein jeder Ton ein lang′ gehaltnes Schweigen. Da fing das Firnament sich an zu neigen, Und jäh daran herab der Sterne selig Heer Glitt rieselnd in ein goldig Nebelmeer, Bis Tropf′ um Tropfen hell darin zerging, Die alte Nacht den öden Raum umfing.
Und als du neu ein fröhlich Leben wecktest, Die Finsternis mit jungem Lichte schrecktest, War ich schon weit hinweg mit Sinn und Ohr; Zuletzt warst du es selbst, in dem ich mich verlor. Mein Herz durchzückt′ mit eins ein Freudenstrahl: Dein ganzer Wert erschien mir auf einmal. So wunderbar empfand ich es, so neu, Daß noch bestehe Freundeslieb′ und Treu′, Daß uns so sichrer Gegenwart Genuß Zusammenhält in Lebensüberfluß!
Ich sah dein hingesenktes Angesicht Im Schatten halb und halb im klaren Licht; Du ahntest nicht, wie mir der Busen schwoll, Wie mir das Auge brennend überquoll. Du endigtest; ich schwieg. - Ach, warum ist doch eben Dem höchsten Glück kein Laut des Danks gegeben?
Da tritt dein Töchterchen mit Licht herein: Ein ländlich Mahl versammelt groß und klein, Vom nahen Kirchturm schallt das Nachtgeläut, Verklingend so des Tages Lieblichkeit.
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Interpretation
Das Gedicht "An Wilhelm Hartlaub" von Eduard Mörike beschreibt eine tief emotionale und sinnliche Erfahrung, die der Dichter teilt, während er Wilhelm Hartlaub beim Klavierspielen zuhört. Die Musik führt den Erzähler durch eine traumhafte Landschaft, in der er den Gesang versteckter Quellen und das Rauschen der Natur wahrnimmt. Plötzlich verändert sich die Stimmung, und die Musik wird zu einem himmlischen Erlebnis, bei dem die Sterne in ein goldenes Nebelmeer versinken. Dies symbolisiert die tiefe Verbundenheit und das Verständnis zwischen den beiden Freunden. In der zweiten Strophe wird die Intensität der Freundschaft und die Erkenntnis über den Wert des anderen hervorgehoben. Der Erzähler fühlt sich von einem Freudenstrahl durchzuckt und erkennt die Bedeutung von Freundschaft und Treue. Die gemeinsame Gegenwart und der Genuss des Lebens verbinden sie in einem Überfluss an Emotionen. Die Beschreibung von Wilhelm Hartlaub im Schatten und im Licht verdeutlicht die tiefe Verbundenheit und das gegenseitige Verständnis, das zwischen ihnen besteht. Die letzte Strophe bringt eine bittersüße Note in das Gedicht. Obwohl der Erzähler von Glück und Dankbarkeit erfüllt ist, kann er seine Gefühle nicht in Worte fassen. Das Erscheinen von Wilhelm Hartlaubs Tochter und das gemeinsame Mahl symbolisieren die Fortsetzung des Lebens und die Verbindung zur Gemeinschaft. Das Nachtgeläut des Kirchturms verklingt und lässt die Lieblichkeit des Tages nachklingen, was auf die Vergänglichkeit der Momente und die Kontinuität des Lebens hinweist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Verklingend so des Tages Lieblichkeit
- Personifikation
- Wo der Gesang versteckter Quellen klang
- Vergleich
- Gleich Kinderstimmen, die der Wind verschlang