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An Wilhelm Hartlaub

Von

Durchs Fenster schien der helle Mond herein:
Du saßest am Klavier im Dämmerschein,
Versankst im Traumgewühl der Melodien,
Ich folgte dir an schwarzen Gründen hin,
Wo der Gesang versteckter Quellen klang
Gleich Kinderstimmen, die der Wind verschlang.
Doch plötzlich war dein Spiel wie umgewandt,
Nur blauer Himmel schien noch ausgespannt,
Ein jeder Ton ein lang′ gehaltnes Schweigen.
Da fing das Firnament sich an zu neigen,
Und jäh daran herab der Sterne selig Heer
Glitt rieselnd in ein goldig Nebelmeer,
Bis Tropf′ um Tropfen hell darin zerging,
Die alte Nacht den öden Raum umfing.

Und als du neu ein fröhlich Leben wecktest,
Die Finsternis mit jungem Lichte schrecktest,
War ich schon weit hinweg mit Sinn und Ohr;
Zuletzt warst du es selbst, in dem ich mich verlor.
Mein Herz durchzückt′ mit eins ein Freudenstrahl:
Dein ganzer Wert erschien mir auf einmal.
So wunderbar empfand ich es, so neu,
Daß noch bestehe Freundeslieb′ und Treu′,
Daß uns so sichrer Gegenwart Genuß
Zusammenhält in Lebensüberfluß!

Ich sah dein hingesenktes Angesicht
Im Schatten halb und halb im klaren Licht;
Du ahntest nicht, wie mir der Busen schwoll,
Wie mir das Auge brennend überquoll.
Du endigtest; ich schwieg. – Ach, warum ist doch eben
Dem höchsten Glück kein Laut des Danks gegeben?

Da tritt dein Töchterchen mit Licht herein:
Ein ländlich Mahl versammelt groß und klein,
Vom nahen Kirchturm schallt das Nachtgeläut,
Verklingend so des Tages Lieblichkeit.

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Gedicht: An Wilhelm Hartlaub von Eduard Mörike

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „An Wilhelm Hartlaub“ von Eduard Mörike ist eine intime und lyrische Beschreibung eines besonderen Moments der Freundschaft und der Wertschätzung. Es beginnt mit einer Szene, die von einem sanften Mondlicht geprägt ist, das durch ein Fenster scheint und auf die Freundschaft zwischen dem lyrischen Ich und Wilhelm Hartlaub einwirkt. Die Dämmerung und das Klavierspiel Hartlaubs schaffen eine melancholische, verträumte Atmosphäre, in der sich das lyrische Ich in die Musik und die Gedanken seines Freundes einfühlt.

Das Gedicht nimmt eine Wendung, als die Musik des Klaviers in eine Art Stille übergeht, beschrieben durch den „blauen Himmel“ und das „lang′ gehaltne Schweigen“. Dieser Übergang in die Stille wird von einer kosmischen Vision begleitet: der Himmel neigt sich und die Sterne gleiten in ein goldiges Nebelmeer. Diese poetischen Bilder symbolisieren einen Moment tiefer Kontemplation und des Eintauchens in eine andere Welt. Der Traum des lyrischen Ichs wird von den Geräuschen der Natur und des Lebens, wie das Läuten der Kirchturmuhr unterbrochen und zur Realität zurückgeführt.

Die zweite Strophe verdeutlicht die Wertschätzung des lyrischen Ichs für die Freundschaft. Durch die Musik, die ihn in eine Welt der Tagträume entführte, und die Stille, die ihn in einen Zustand der Kontemplation versetzte, erkennt er den „ganzen Wert“ der Freundesliebe und -treue. Die Formulierung „Daß noch bestehe Freundeslieb′ und Treu′“ drückt eine tiefe Dankbarkeit für die Beständigkeit und den Wert dieser Verbindung aus, besonders angesichts der flüchtigen Momente des Lebens.

Die abschließenden Verse des Gedichts enthalten eine bemerkenswerte Stille und eine unerwiderte Emotion. Das lyrische Ich, von den Gefühlen überwältigt, wird von der eigenen Stille gepackt, unfähig, seinen Dank auszudrücken. Der Eintritt der Tochter mit einem Licht und die Versammlung der Familie bei einem ländlichen Mahl beenden die intime Szene und führen den Leser zurück zur Realität. Das Gedicht ist somit eine Reflexion über die Schönheit der Freundschaft, die Kraft der Musik und die Vergänglichkeit der Momente.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.