Holdeste Dryas, halte mir still! es schmerzet nur wenig: Mit wollüstigem Reiz schließt sich die Wunde geschwind.Eines Dichters Namen zu tragen bist du gewürdigt, Keinen Lieberen hat Wiese noch Wald mir genannt.Sei du künftig von allen deinen Geschwistern die erste, Welche der kommende Lenz wecket und reichlich belaubt!Und ein liebendes Mädchen, von deinem Dunkel umduftet, Sehe den Namen, der, halb nur verborgen, ihr winkt.Leise drückt sie, gedankenvoll, die Lippen auf diese Lettern, es dringet ihr Kuß dir an das innerste Mark.Wehe der Hand, die dich zu schädigen waget! Ihr glücke Nimmer, in Feld und Haus, nimmer ein friedliches Werk!
An eine Lieblingsbuche meines Gartens
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „An eine Lieblingsbuche meines Gartens“ von Eduard Mörike ist eine innige Liebeserklärung und Hommage an einen Baum, in diesem Fall eine Buche, der eine besondere Bedeutung für den Dichter hat. Die Anrede „Holdeste Dryas“ – Dryas ist eine Nymphe der griechischen Mythologie, die in Bäumen wohnt – verleiht dem Gedicht von Anfang an eine romantische und poetische Note, wodurch der Baum mit Leben gefüllt und zu einer geliebten, beinahe menschlichen Figur gemacht wird. Die ersten Zeilen beschreiben das sanfte Einritzen des Namens des Dichters in die Rinde, was mit dem Versprechen verbunden ist, dass die Wunde schnell verheilt. Dieser Akt des Einritzens ist mehr als nur eine Geste, sondern ein Akt der Verbundenheit und Verewigung.
Der zweite Teil des Gedichts rückt die Bedeutung des Baumes im Kontext der Natur und der Liebe in den Vordergrund. Der Dichter wünscht der Buche, die erste zu sein, die im Frühling erwacht und neues Laub trägt. Dies unterstreicht die Wertschätzung für die Schönheit und das Leben, das der Baum symbolisiert. Es folgt die Vision eines „liebenden Mädchens“, das den Namen des Dichters am Baum entdeckt und ihn küsst. Dieser Moment ist von großer Intimität geprägt, da der Kuss als eine Art Liebesbekenntnis und als Übertragung der Emotionen auf den Baum interpretiert wird. Der Baum wird so zum Zeugen und Objekt der Liebe, wodurch eine Dreiecksbeziehung zwischen Dichter, Mädchen und Buche entsteht.
Der letzte Teil des Gedichts enthält eine deutliche Warnung und einen Fluch für jeden, der der Buche Schaden zufügt. Dies zeigt die tiefe emotionale Bindung des Dichters an den Baum. Die Worte „Wehe der Hand, die dich zu schädigen waget!“ unterstreichen die heilige Natur dieser Beziehung. Durch den Fluch wird die Buche zu einem Symbol des Schutzes und der Erinnerung, wodurch ihre Bedeutung im Leben des Dichters noch verstärkt wird. Diese Zeilen sind ein starker Ausdruck von Zuneigung und der Wertschätzung für die Natur und die Liebe.
Insgesamt ist das Gedicht eine poetische Verschmelzung von Natur, Liebe und Erinnerung. Mörike verbindet hier auf elegante Weise seine Gefühle für die Natur mit seinen romantischen Sehnsüchten, indem er die Buche als lebendes Denkmal seiner Liebe und als Quelle der Inspiration darstellt. Die Sprache ist bildhaft und gefühlvoll, mit einer Mischung aus Zärtlichkeit und Leidenschaft, die das Gedicht zu einem berührenden Zeugnis der menschlichen Fähigkeit macht, tiefe emotionale Bindungen zu den Dingen um uns herum zu entwickeln. Es ist ein Liebeslied an die Natur und an die Erinnerung, das bis heute seine Wirkung nicht verfehlt.
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Lizenz und Verwendung
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