Kennst du der Furien schlimmste, Freund? Ich hoffe, nein!Kein Dichter, nicht der alten, noch der neuen Zeit,Kein Mythograph hat sie zu nennen je gewagt;Ich selber, bange vor der leise hörenden,Tu es nur heimlich: Agrypnia heißet sie.Ach, als ich jung war, deuchte sie mir schön zu sein,Piërische Jungfrau, oder ihnen nah verwandt;Vielleicht auch ist sie’s, aber weh dem, der sie ruft!Denn der Gesundheit Farbe saugt ihr heißer BlickDem Jüngling von den Wangen, und verzehrt den Mann.An meinem Bette sitzt sie manche Mitternacht,Gleich einer Buhlerin, der man überdrüssig ist.Den Rücken ihr zukehrend blinz ich seufzend nur,Sooft die Glocke wieder schlägt, nach dem Gespenst,Ob es noch sitzt – es sitzet bis der Morgen graut!Seit Wochen hatt ich Ruh vor ihr, bis gestern nacht;Da trat sie schadenfroher Miene vor mich hin,Unheilverkündend, und wohl weiß ich, was sie meint:Es ist das Wort, das ich dir auf der Straße jüngstAm lichten Tag gegeben, nicht entging es ihr -Gib eilig, Bester, mir’s zurück, wenn du mich liebst!
An Eberhard Lempp
Mehr zu diesem Gedicht
Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „An Eberhard Lempp“ von Eduard Mörike ist eine düstere und persönliche Auseinandersetzung mit der „Agrypnia“, einer furchterregenden Figur, die als die schlimmste der Furien dargestellt wird. Mörike enthüllt hier eine tiefe Furcht vor dem, was diese Figur repräsentiert – vermutlich eine Form von Schlaflosigkeit, innerer Unruhe oder vielleicht auch Depression. Die Intimität der Ansprache an einen Freund, Eberhard Lempp, verstärkt den persönlichen Charakter des Gedichts und lässt den Leser in die Welt des Dichters eintauchen.
Die zentrale Metapher der „Agrypnia“ wird durch bildreiche Sprache aufgebaut. Mörike beschreibt sie als eine nächtliche Besucherin, die ihm am Krankenbett sitzt, wie eine „Buhlerin, der man überdrüssig ist“. Diese Gegenüberstellung von Verführung und Widerwillen unterstreicht die Zerrissenheit des Dichters und das Gefühl der Ohnmacht gegenüber dieser Figur. Der Blick der „Agrypnia“ raubt dem Jüngling die Gesundheit und verzehrt den Mann, was die zerstörerische Kraft der inneren Dämonen verdeutlicht. Das Gedicht wird so zu einer Klage über einen Zustand des Leidens, der durch das nächtliche Erscheinen der Agrypnia verkörpert wird.
Das Gedicht nimmt eine überraschende Wendung, als die „Agrypnia“ nach Wochen der Ruhe wiederkehrt. Die Ursache für ihr Wiederauftauchen wird als ein „Wort“ offenbart, das Mörike seinem Freund Lempp auf der Straße gegeben hat. Diese unerwartete Verbindung zwischen der inneren Not des Dichters und einer scheinbar harmlosen Geste deutet auf die subtile und oft unbewusste Natur der Ursachen von Angst und Unwohlsein hin. Die Bitte an Lempp, das Wort zurückzugeben, deutet auf die Hoffnung, durch die Auflösung dieser äußeren Ursache auch die innere Qual lindern zu können.
Die sprachliche Gestaltung des Gedichts unterstützt die beklemmende Atmosphäre. Mörike wählt eine einfache, fast umgangssprachliche Ausdrucksweise, die jedoch mit intensiven Bildern und Metaphern angereichert ist. Die häufigen Nachtbilder, die Erwähnung der Glocke und des Morgengrauens verstärken die Stimmung der Hoffnungslosigkeit und des Wartens auf Erlösung. Der Wechsel von der Beschreibung der „Agrypnia“ zu der Bitte an Lempp verleiht dem Gedicht eine zusätzliche Ebene der Dringlichkeit und des persönlichen Engagements. Insgesamt ist das Gedicht eine ergreifende Reflexion über die Macht innerer Dämonen und die Suche nach Ruhe und Erlösung.
Weitere Informationen
Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.
Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.
