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Lied eines Verliebten

Von

In aller Früh′, ach, lang vor Tag,
Weckt mich mein Herz, an dich zu denken,
Da doch gesunde Jugend schlafen mag.

Hell ist mein Aug′ um Mitternacht,
Heller als frühe Morgenglocken:
Wann hättst du je am Tage mein gedacht?

Wär′ ich ein Fischer, stünd′ ich auf,
Trüge mein Netz hinab zum Flusse,
Trüg′ herzlich froh die Fische zum Verkauf.

In der Mühle bei Licht der Müllerknecht
Tummelt sich, alle Gänge klappern;
So rüstig Treiben wär′ mir eben recht.

Weh! aber ich, o armer Tropf,
Muß auf dem Lager mich müßig grämen,
Ein ungebärdig Mutterkind im Kopf.

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Gedicht: Lied eines Verliebten von Eduard Mörike

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Lied eines Verliebten“ von Eduard Mörike offenbart die tiefgreifenden Auswirkungen der Liebe auf die Gedanken und das Verhalten des lyrischen Ichs. Es beginnt mit dem gesteigerten Bewusstsein und der Unfähigkeit zu schlafen, die durch die Liebe hervorgerufen werden. Der Liebende wird früh morgens von seinem Herzen geweckt, das ihn an die Geliebte erinnert, im Gegensatz zu Jugendlichen, die ungestört schlafen können. Dies deutet auf eine Unruhe und Rastlosigkeit hin, die mit der Verliebtheit einhergeht und die natürliche Ordnung der Dinge zu stören scheint.

Die zweite Strophe betont die Intensität der Gedanken an die Geliebte. Die Augen des Liebenden sind in der Nacht wacher als am Morgen. Die rhetorische Frage „Wann hättst du je am Tage mein gedacht?“ deutet auf eine Sehnsucht nach Gegenseitigkeit und auf die Ungleichheit in der emotionalen Investition hin, die der Liebende empfindet. Er scheint besessen von seinen Gedanken, was ihn von der Außenwelt abschneidet und ihn in ein Gefangensein seiner eigenen Gefühle versetzt.

In den folgenden Strophen werden imaginäre Szenarien entworfen, in denen der Liebende sich in verschiedenen Berufen produktiv beschäftigen könnte: als Fischer oder als Müllerknecht. Diese Szenarien dienen als Kontrast zur gegenwärtigen Situation des Liebenden, der unfähig ist, sich nützlich zu machen. Der Wunsch, sich aktiv und produktiv zu betätigen, wird durch die Liebe blockiert. Die Erwähnung von „hellen“ Lichtern und „klappernden“ Gängen suggeriert eine Sehnsucht nach Aktivität, die jedoch unerfüllt bleibt.

Das Gedicht endet mit einer Klage. Der Liebende fühlt sich wie ein „armer Tropf“, der sich im Bett langweilen muss. Er beschreibt sich selbst als „ungebärdig Mutterkind im Kopf“, was auf eine unreife und unkontrollierte Gefühlswelt hinweist, die ihn in seinem Denken und Handeln einschränkt. Der letzte Vers fasst die vorhergehenden Strophen zusammen und veranschaulicht das Gefühl der Hilflosigkeit und des Leidens, das die Liebe in diesem Fall mit sich bringt. Das Gedicht zeigt die Zerrissenheit des Liebenden zwischen dem Wunsch nach Tatkraft und der Unfähigkeit, diesem Wunsch aufgrund der Liebe nachzugehen.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.