Östliches Taglied

Eduard Mörike

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Ist dieses Bette nicht wie eine Küste, Ein Küstenstreifen nur, darauf wir liegen? Nichts ist gewiß als deine hohen Brüste, die mein Gefühl ins Schwindeln überstiegen.

Denn diese Nacht, in der so vieles schrie, in der sich Tiere rufen und zerreißen, ist sie uns nicht entsetzlich fremd? Und wie: was draußen langsam anhebt, Tag geheißen, ist das uns denn verständlicher als sie?

Man müßte so sich ineinanderlegen wie Blütenblätter um die Staubgefäße: so sehr ist überall das Ungemäße und häuft sich an und stürzt sich uns entgegen.

Doch während wir uns aneinander drücken, um nicht zu sehen, wie es ringsum naht, kann es aus dir, kann es aus mir sich zücken: denn unsre Seelen leben von Verrat.

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Illustration zu Östliches Taglied

Interpretation

Das Gedicht "Östliches Taglied" von Eduard Mörike handelt von der Intimität und der Unsicherheit in einer nächtlichen Begegnung. Die Liebenden liegen eng beieinander, fühlen sich jedoch wie auf einem schmalen Küstenstreifen, der von der ungewissen Nacht umgeben ist. Die Brüste der Geliebten werden als feste Orientierungspunkte in dieser Unsicherheit beschrieben. Die Nacht wird als eine Zeit voller unheimlicher Geräusche und Gewalt dargestellt, in der Tiere rufen und sich gegenseitig reißen. Der nahende Tag erscheint ebenso fremd und unverständlich wie die Nacht selbst. Die Liebenden versuchen, sich in ihrer Zweisamkeit zu verlieren und sich wie Blütenblätter um die Staubgefäße zu schmiegen, um dem Ungemäßen und Bedrohlichen der Welt zu entfliehen. Doch selbst in ihrer engen Umarmung können sie sich nicht vor dem Verrat ihrer eigenen Seelen schützen. Die letzten Zeilen deuten an, dass die Intimität der Liebenden nicht ausreicht, um die Unsicherheit und die Fremdheit der Welt vollständig zu verbergen. Die Seelen der Liebenden leben von Verrat, was bedeutet, dass sie selbst in ihrer Nähe nicht vollständig vertrauen können und die Angst vor dem Unbekannten sie weiterhin begleitet.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
und häuft sich an und stürzt sich uns entgegen
Bildsprache
in der sich Tiere rufen und zerreißen
Enjambement
Und wie: was draußen langsam anhebt, Tag geheißen, ist das uns denn verständlicher als sie?
Gegensatz
Nichts ist gewiß als deine hohen Brüste, die mein Gefühl ins Schwindeln überstiegen
Hyperbel
die mein Gefühl ins Schwindeln überstiegen
Metapher
Ist dieses Bette nicht wie eine Küste, Ein Küstenstreifen nur, darauf wir liegen?
Personifikation
unsre Seelen leben von Verrat
Rhetorische Frage
Ist dieses Bette nicht wie eine Küste, Ein Küstenstreifen nur, darauf wir liegen?
Vergleich
Man müßte so sich ineinanderlegen wie Blütenblätter um die Staubgefäße