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Weil meine Lieb′ zum Grab gegangen…

Von

Weil meine Lieb′ zum Grab gegangen,
Und in den starren Blick gesehn,
Und an dem stummen Mund gehangen,
Muß neu mein Schmerz heut auferstehn.

Im Osten hat mir′s trüb getaget
Das freudige, das neue Licht;
Die lange Nacht lag ich verzaget,
Dein Abschiedswort verstand ich nicht.

Ein Wehelaut, du Herz der Güte,
Zwei Augen, die mich angeschaut,
Doch was drin flehte, was drin glühte,
Das ward mir Armen nicht vertraut.

Du fühltest wie so krank ich scheide,
Du edles, mitleidtrunknes Herz,
Und gabst erbarmend zum Geleite
Den Ton, den Blick, den eignen Schmerz.

Den Blick sah ich wohl vor mir stehen,
Die lange bang durchweinte Nacht,
Bis ich durch deines Wehlauts Flehen
Aus schönem Schlummer früh erwacht.

Da ist dein Schmerz mich wecken kommen,
Er legte mir aufs Herz die Hand,
Und sprach, du krankes Herz willkommen,
Weil heut der Heiland auferstand.

Willkomm, o Schmerz, so sprach ich wieder,
Mein Herz ist schwer, das Grab ist leer,
Und heiße Tränen sandt ich nieder,
Daß Tau auch in dem Garten wär.

Du zeihtest mich, daß viele Freuden
Mit andern ich nicht teilen kann,
So gib mir Leiden, Leiden, Leiden,
So nimm mein Herz zum Mitleid an.

Die Tränen, die so stürzend fließen,
Sind nicht auf Felsen aufgesät,
Ich weiß, daß Blumen daraus sprießen,
Und daß mein Lieben aufersteht.

Ja aufersteht mit allen Wunden
Nach langen Qualen lichtverklärt,
Wenn alles wieder ist verbunden,
Was zu dem Leib des Herrn gehört.

Jetzt da ich hin zum Garten irre,
Und in die Felsentale seh,
Da sproßt mein Schmerz wie bittre Myrrhe,
Da wird mein Herz wie Aloe.

Blind tapp ich an den Felsenwänden
Und streue auf dem Grabe aus,
Den ich gepflückt von linden Händen,
Den schmerzenvollen Blumenstrauß.

Komm mit, komm mit, schenk eine Träne,
Den Ton, den Blick, zur Spezerei,
Und grüße mit der Magdalene
Den Herrn durch einen Jubelschrei.
Alleluja!

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Weil meine Lieb′ zum Grab gegangen... von Clemens Brentano

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Weil meine Lieb‘ zum Grab gegangen…“ von Clemens Brentano ist eine tiefgreifende Reflexion über Trauer, Verlust und die Hoffnung auf Wiedergeburt, getragen von christlichen Motiven. Es ist ein Bekenntnis der Liebe, die über den Tod hinausreicht, und eine Auseinandersetzung mit dem Schmerz, der durch den Verlust der geliebten Person ausgelöst wird.

Im Zentrum des Gedichts steht die Erfahrung des Schmerzes, der durch den Tod der geliebten Person entsteht. Die Verse beschreiben detailliert die Trauer des lyrischen Ichs, das die Leere und den Verlust in seinen Emotionen verarbeitet. Die Zeilen wie „Muß neu mein Schmerz heut auferstehn“ und „Mein Herz ist schwer, das Grab ist leer“ verdeutlichen die Intensität des Schmerzes und die Schwierigkeit, den Verlust zu überwinden. Die Sehnsucht nach der Verstorbenen und die Unfähigkeit, das Geschehene zu begreifen, spiegeln sich in der Frage nach dem „Abschiedswort“, das unverstanden blieb.

Das Gedicht verbindet die persönliche Trauer mit christlichen Motiven der Auferstehung und des Leidens. Das lyrische Ich identifiziert sich mit dem Leid Jesu und findet Trost und Hoffnung in der Aussicht auf Wiedergeburt. Der „Heiland“ wird als Quelle der Hoffnung und des Trostes angerufen. Die Wiedergeburt der geliebten Person wird in den letzten Versen in Aussicht gestellt, wobei der Bezug zum Garten und der Auferstehung Christi die Hoffnung auf ein Wiedersehen im Jenseits verstärkt. Diese religiöse Dimension verleiht dem Gedicht eine tröstliche und erhebende Note.

Die Sprache Brentanos ist geprägt von tiefem Gefühl und einer intensiven Bildhaftigkeit. Er nutzt eine Vielzahl von Bildern und Metaphern, um die Emotionen des lyrischen Ichs auszudrücken. So werden Tränen mit „Taus auch in dem Garten“ verglichen, und der Schmerz sprießt „wie bittere Myrrhe“. Durch solche Bilder wird der Schmerz greifbar und gleichzeitig in einen Kontext der Hoffnung und Erneuerung gestellt. Die Verwendung von religiösen Symbolen und der Bezug zur Natur verstärken die emotionale Tiefe des Gedichts.

Abschließend ist dieses Gedicht ein eindringliches Zeugnis der menschlichen Erfahrung von Trauer und Hoffnung. Es vereint persönliche Emotionen mit christlichen Glaubensvorstellungen, wodurch es eine universelle Gültigkeit erlangt. Die Verknüpfung von Verlust, Schmerz und der Aussicht auf Wiedergeburt, verpackt in eine poetische und bildhafte Sprache, macht dieses Gedicht zu einem ergreifenden und tröstenden Werk. Die Botschaft von Liebe, die über den Tod hinausreicht, und die Hoffnung auf ein Wiedersehen finden in diesem Gedicht einen tiefgründigen Ausdruck.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.