Simphonie
Ruhe! – die Gräber erbeben;
Ruhe! – und heftig hervor
Stürzt aus der Ruhe das Leben,
Strömt aus sich selbsten empor
Die Menge, vereinzelt im Chor.
Schaffend eröffnet der Meister
Gräber – Geborener Tanz
Schweben die tönenden Geister;
Schimmert im eigenen Glanz
Der Töne bunt wechselnder Kranz.
Alle in einem verschlungen,
Jeder im eigenen Klang,
Mächtig durchs Ganze geschwungen,
Eilet der Geister Gesang
Gestaltet die Bühne entlang.
Heilige brausende Wogen,
Ernst und wollüstige Glut
Strömet in schimmernden Bogen,
Sprühet in klingender Wut
Des Geistertanz silberne Flut.
Alle in einem erstanden,
Sind sie sich selbst nicht bewußt
Daß sie sich einzeln verbanden;
Fühlt in der eigenen Brust
Ein jeder vom Ganzen die Lust.
Aber im inneren Leben
Fesselt der Meister das Sein;
Läßt sie dann ringen und streben;
Handelnd durcheilet die Reihn
Das Ganze im einzelnen Schein.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Symphonie“ von Clemens Brentano beschreibt in fünf Strophen das Erwachen und die Entfaltung einer musikalischen Komposition, wahrscheinlich einer Symphonie. Das lyrische Ich scheint Zeuge dieses Prozesses zu sein, der von der Stille und dem Tod, symbolisiert durch die „Gräber“, hin zum vibrierenden Leben und der schöpferischen Kraft der Musik führt. Die Atmosphäre ist erhaben und beinahe sakral, was durch Begriffe wie „Heilige“ und „Geister“ unterstrichen wird, die der Musik eine transzendente Qualität verleihen.
In der ersten Strophe wird die anfängliche Stille beschrieben, aus der das Leben, in Form der Musik, hervorbricht. Die Bewegung, die in diesem Moment entsteht, ist von großer Intensität, was durch Worte wie „Stürzt“ und „Strömt“ verdeutlicht wird. In der zweiten Strophe erscheint der „Meister“, der Schöpfer der Musik, der die „Gräber“ – die Leere und Stille – „eröffnet“ und so den Tanz der „tönenden Geister“ ermöglicht. Die Musik wird als ein lebendiges Wesen dargestellt, das in seinem eigenen Glanz schimmert und sich in einem „bunt wechselnden Kranz“ entfaltet. Hier wird die Komplexität und Vielschichtigkeit der Musik betont.
Die dritte und vierte Strophe verdeutlichen die innige Verschmelzung der einzelnen musikalischen Elemente zu einem harmonischen Ganzen. Jeder Klang, jede Stimme, bleibt dabei einzigartig, verbindet sich aber gleichzeitig mit den anderen zu einem mächtigen, durch das gesamte Werk wirkenden Gesang. Die Musik wird zu einer „heiligen brausenden Woge“, die sowohl „Ernst und wollüstige Glut“ in sich vereint. Dies spiegelt die Dualität der menschlichen Erfahrung wider, die in der Musik zum Ausdruck gebracht wird. Die „silberne Flut“ des Geistertanzes symbolisiert die reine, ungebundene Energie der Musik.
In der abschließenden fünften Strophe wird die Einheit des Ganzen betont, obwohl sich die einzelnen musikalischen Bestandteile ihrer Zugehörigkeit zum Gesamtkunstwerk nicht bewusst sind. Jeder scheint nur seine eigene Freude und seinen eigenen Beitrag zu verspüren. Der „Meister“ jedoch, als Symbol des Komponisten, hält das gesamte Geschehen fest und lässt die Musik in einem Spannungsverhältnis zwischen Ordnung und Freiheit, Individuum und Gemeinschaft, weiterwirken. Das Gedicht feiert so die schöpferische Kraft der Musik, ihre Fähigkeit, die menschliche Seele zu bewegen und zu vereinen.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.