Schwanenlied

Clemens Brentano

1778

Wenn die Augen brechen, Wenn die Lippen nicht mehr sprechen, Wenn das pochende Herz sich stillet Und der warme Blutstrom nicht mehr quillet: Oh, dann sinkt der Traum zum Spiegel nieder, Und ich hör der Engel Lieder wieder, Die das Leben mir vörübertrugen, Die so selig mit den Flügeln schlugen Ans Geläut der keuschen Maiesglocken, Daß sie all die Vöglein in den Tempel locken, Die so süße, wild entbrannte Psalmen sangen, Daß die Liebe und die Lust so brünstig rangen, Bis das Leben war gefangen und empfangen; Bis die Blumen blühten; Bis die Früchte glühten Und gereift zum Schoß der Erde fielen, Rund und bunt zum Spielen; Bis die goldnen Blätter an der Erde rauschten Und die Wintersterne sinnend lauschten, Wo der stürmende Sämann hin sie säet, Daß ein neuer Frühling schön erstehet. Stille wird′s, es glänzt der Schnee am Hügel, Und ich kühl im Silberreif den schwülen Flügel, Möcht ihn hin nach neuem Frühling zücken, Da erstarret mich ein kalt Entzücken - Es erfriert mein Herz, ein See voll Wonne, Auf ihm gleitet still der Mond und sanft die Sonne, Unter den sinnenden, denkenden, klugen Sternen Schau ich mein Sternbild an in Himmelsfernen; Alle Leiden sind Freuden, alle Schmerzen scherzen, Und das ganze Leben singt aus meinem Herzen: Süßer Tod, süßer Tod Zwischen dem Morgen- und Abendrot!

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Schwanenlied

Interpretation

Das Gedicht "Schwanenlied" von Clemens Brentano ist eine tiefgründige Reflexion über Leben, Tod und die ewige Natur der Seele. Es beginnt mit einer düsteren Szene, in der die Sinne erlöschen und das Herz stillsteht, was den Tod symbolisiert. Doch anstatt in Verzweiflung zu enden, wird der Tod als Übergang zu einem höheren Zustand des Seins dargestellt. Die Engel und ihre Lieder, die das Leben überbrachten, werden wieder gehört, was auf eine spirituelle Erneuerung hindeutet. Die folgenden Verse beschreiben den Lebenszyklus von der Geburt bis zum Tod, symbolisiert durch die Jahreszeiten. Die Liebe und Lust ringen miteinander, bis das Leben gefangen und empfangen ist. Die Blumen blühen, die Früchte reifen und fallen, die Blätter rauschen, und die Sterne lauschen. Dieser Zyklus wird als ein Spiel dargestellt, das schließlich im Winter endet, symbolisiert durch den Schnee und den gefrorenen See. Im letzten Abschnitt des Gedichts wird der Tod als eine Art Erleuchtung dargestellt. Die Leiden werden zu Freuden, die Schmerzen zu Scherzen, und das Leben singt aus dem Herzen. Der Tod wird als "süßer Tod" bezeichnet, der zwischen dem Morgen- und Abendrot liegt, was auf einen ewigen Kreislauf von Leben und Tod hindeutet. Das Gedicht endet mit einer optimistischen Note, die den Tod als Teil des natürlichen Lebenszyklus und als Übergang zu einem höheren Zustand des Seins darstellt.

Schlüsselwörter

leben mehr herz erde hin frühling alle süßer

Wortwolke

Wortwolke zu Schwanenlied

Stilmittel

Metapher
Und das gesamte Leben singt aus meinem Herzen
Personifikation
Und das gesamte Leben singt aus meinem Herzen