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O wie so oft …

Von

O wie so oft
Hab ich ein Zeichen erhofft,
Zogen
Sterne den schimmernden Bogen
Durch die himmlische Leere
Durch die himmlische Tiefe,
Daß ich der irdischen Schwere
Endlich auf immer entschliefe,
Aber der Morgen
Löschte die Sterne aus,
Weckte die Sorgen,
Weckte des Herzens Haus,
Und des Alltäglichen Macht
Zwang die Ahndung der Nacht.

O wie so viel
Nahte der Sehnsucht das Ziel
Sanken
Dürstende müde Gedanken
Hin an brennender Schwelle
Selig kühlender Ferne,
Ach da stürzte zum Herzen die Welle
Und das lachende Licht in die finsteren Sterne,
Aber die Ebbe
Kehrte, die Flut wich,
Heißer die Steppe
Umgürtet mit Glut mich,
Und den brennenden Pfeil
Mahnte das fliehende Ziel zur Eil.

O wie so tief
Oft aus den Wogen mich′s rief!
Fielen
Um nach den Sternen zu zielen
Tränen zu spiegelnden Seen
Die zwischen blumigten Wiesen,
Augen der Erde, aufsehen,
Himmlische Kinder zu grüßen.
Aber die Fläche
Ringelt, das Bild bricht,
Bittere Bäche
Rinnet so wild nicht!
Freudig ja springet ein Fisch,
Und ich mord ihn, decke den Tisch.

O wie so rein
Wächst in der Schönheit der Schein,
Scheinet
Sie aus der Einfalt und einet
Recht in der lauteren Klarheit
Strahlen der himmlischen Güte
Zum sehenden sichtbaren Auge der Wahrheit,
Das das schaffet und selbst ist die Frucht und die Blüte
Aber die Dichter
Machen die Glieder zum Leibe gern
Schneiden Gesichter
In einen Kirschenkern
Traurig und lachend, o gebe
Lieber der Erde ihn, daß er lebe

Blütenvoll
Früchtevoll
Dir und den Deinen himmlischen Segen

Gebe
Auf irdischen Wegen.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: O wie so oft ... von Clemens Brentano

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „O wie so oft…“ von Clemens Brentano ist eine melancholische Reflexion über die unerfüllten Hoffnungen und Sehnsüchte des lyrischen Ichs. Es erkundet das innere Ringen zwischen dem Wunsch nach Transzendenz und dem Festhalten an der irdischen Existenz, wobei die wiederholte Formel „O wie so oft“ die ständige Wiederkehr dieser Erfahrung betont. Das Gedicht ist in vier Strophen unterteilt, die jeweils eine spezifische Erfahrung oder ein Gefühl beschreiben, gefolgt von einem „Aber“, das die Enttäuschung oder das Scheitern des Wunsches markiert.

In der ersten Strophe wird der Wunsch nach Flucht aus der „irdischen Schwere“ durch die Beobachtung der Sterne ausgedrückt. Die Sterne, ein Symbol für Hoffnung und das Übernatürliche, scheinen einen „schimmernden Bogen“ zu ziehen, eine Brücke zum Göttlichen. Doch der Morgen, der die Sterne auslöscht, lässt die „Sorgen“ und das „Herzens Haus“ erwachen, was das lyrische Ich zurück in die Realität des Alltags zwingt. Die Macht des Alltäglichen übertönt die Ahnung der Nacht, wodurch der Traum von Befreiung vereitelt wird. Diese Strophe etabliert das zentrale Thema des Gedichts: die Kluft zwischen dem Ideal und der Realität.

Die zweite Strophe greift das Thema der Sehnsucht nach einem Ziel, nach Erfüllung auf. Gedanken, die durch Durst und Müdigkeit gekennzeichnet sind, scheinen ihrem Ziel nahe zu kommen. Doch die Hoffnung wird durch einen Schwall an Emotionen zunichte gemacht, der das „lachende Licht“ in die „finsteren Sterne“ stürzt. Die Ebbe, das Zurückweichen der Flut, versetzt das Ich zurück in eine Situation der Hitze und des Mangels, wobei ein „brennender Pfeil“ auf das entweichende Ziel verweist. Die Verwendung von Naturmetaphern, wie „brennender Schwelle“, „Welle“ und „Ebbe“, unterstreicht die Unbeständigkeit und die zyklische Natur des Leids.

In der dritten Strophe wird die Sehnsucht nach einer Verbindung zum Himmlischen, die durch Tränen als Spiegel der Sterne symbolisiert wird, thematisiert. Das lyrische Ich möchte „nach den Sternen zu zielen“, aber auch diese Hoffnung zerbricht, da die „Fläche“ ringelt und das Bild zerbricht. Die „bitteren Bäche“ des Leids sind nicht in der Lage, die Intensität des Schmerzes zu mildern, was durch das Bild des Fisches, der „ermordet“ und als Mahlzeit zubereitet wird, noch verstärkt wird. Dies verdeutlicht die Vergeblichkeit des Strebens und die Rückkehr zur irdischen Ebene.

Die vierte Strophe wendet sich der Schönheit und der Reinheit zu, die durch die „Einfalt“ und die „Klarheit“ ausgedrückt werden. Es wird das Idealbild der „himmlischen Güte“ gezeigt, welches durch das „sehende sichtbare Auge der Wahrheit“ manifestiert wird. Doch die abschließenden Zeilen reflektieren eine Kritik an Dichtern, die die reine Schönheit in materielle Formen zwingen, sie verarbeiten. Stattdessen wird die Bitte um himmlischen Segen ausgesprochen, was die Ambivalenz des lyrischen Ichs gegenüber dem Wunsch nach spiritueller Erhebung und der Akzeptanz des irdischen Lebens unterstreicht. Das Gedicht endet mit einem Gebet für Segen auf „irdischen Wegen“, wodurch ein resignierter, aber dennoch versöhnlicher Ton angeschlagen wird.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.