Phantasie

Clemens Brentano

1778

(Für Flöte, Klarinette, Waldhorn und Fagott)

Stille Blumen, In der Liebe Heiligtumen Nicht entsprossen, Welken nieder. Süße Lieder, Ohne Echo hingeflossen, Kehren nimmer wieder.

Doch zeiget der Spiegel im Quelle, So freundlich und helle, Das eigne Gebild; Wie′s flüchtig in rastloser Schnelle Sich eilend geselle, Und Welle an Welle Dem Leben entquillt.

Wohnen nicht klar in mir Des Geistes Gestalten; Leben, so will ich Dir Den Busen entfalten; Wer den eignen Ton nicht hört, Lausche, bis er wiederkehrt - Widerschein Blickt ins dunkle Herz herein.

Des Vorhangs leises Beben Erschreckt mich nicht, Und kann ich nicht erstreben Das eigne Licht: So wandl′ ich schön und stille Ein Kind dahin: Mich grüßt durch fromme Hülle Ein heilger Sinn.

Es eilet jed′ Leben die eigene Bahn; Es schauet der Spiegel den Menschen nicht an; Es küsset die Welle die Welle so gerne, Und reißet vom Ganzen nicht Einer sich los; Doch blüht einem jeden das Ganze im Schoß, Und tief durch den Schleier, da weht es von ferne.

Helle Sterne Blinken aus der weiten Ferne Fremdes Licht - Und die Tränen, Die sich nach dem Freunde sehnen, Siehst Du nicht.

Es wandelt voll Liebe im Leben Die Sonn und das Mondlicht herauf; Doch, wenn wir das eigne nicht geben, Schließt nimmer der Schatz sich uns auf.

Was wir suchen, ach, das wohnet, Unerkannt Uns im Herzen, unbelohnet; Und die Hand Haschet stets nach äußerm Schimmer. Was wir nicht umfassen, Das müssen wir lassen; Denn wir fassen′s sicher nimmer.

Die ganze Welt Umwölbet ein Zelt, Über jeglicher Pforte Stehn goldne Worte. Das Aug der Sonne glühet Zur Blume, die aufsteht, Den heißen Gruß; Auf Mondeslippen blühet Der Blume, die heimgeht, Der stille Kuß. Und wer mit beiden Nicht kindlich spricht, Dem leuchtet kein Licht, Der findet den Ein- und den Ausgang nicht, Der kann nicht kommen, nicht scheiden.

Und wer sich mit Liebe nicht selber umarmt, Für den ist das Leben zum Bettler verarmt. In eigenem Busen muß alles erklingen, Und daß der Sinn leicht finden es kann, Hat′s viele buntfarbige Kleider an, Und Hülle und Geist sich zum Leben verschlingen.

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Illustration zu Phantasie

Interpretation

Das Gedicht "Phantasie" von Clemens Brentano ist eine lyrische Reflexion über die Natur der menschlichen Wahrnehmung, der Liebe und der inneren Welt. Brentano nutzt eine reiche Fülle von Metaphern und Bildern, um die komplexen Beziehungen zwischen dem Selbst und der Außenwelt, zwischen dem Flüchtigen und dem Ewigen zu erkunden. Im ersten Teil des Gedichts beschreibt Brentano die Vergänglichkeit von Blumen und Liedern, die ohne Beachtung vergehen. Dies dient als Einleitung zu den tieferen Themen des Gedichts: der Vergänglichkeit des Lebens und der Suche nach Bedeutung. Die Metapher des Spiegels im Wasser, der das eigene Bild zeigt, symbolisiert die Selbstreflexion und die Suche nach dem eigenen Wesen. Brentano deutet an, dass das Leben ein ständiges Fließen ist, in dem sich die Wellen gegenseitig beeinflussen und das Selbst in einem ständigen Wandel begriffen ist. Im weiteren Verlauf des Gedichts geht Brentano auf die inneren Gestalten des Geistes ein und fordert den Leser auf, den eigenen Ton zu hören und das eigene Herz zu erkunden. Die Bilder des Vorhangs und des Lichts stehen für die Barrieren, die das wahre Selbst vor der Welt verbergen, und für die Suche nach Erleuchtung. Brentano betont die Wichtigkeit der Liebe und der inneren Umarmung als Schlüssel zum Verständnis des Lebens. Er schlägt vor, dass die ganze Welt von einem "Zelt" umgeben ist, das mit "goldnen Worten" geschmückt ist, was auf eine göttliche Ordnung oder einen höheren Sinn hindeutet. Das Gedicht schließt mit der Idee, dass die Liebe das Leben durchdringt und dass die Sonne und der Mond als Symbole für männliche und weibliche Energien oder für das Bewusste und das Unbewusste fungieren. Brentano fordert den Leser auf, mit beiden "kindlich" zu sprechen, was eine unschuldige und reine Annäherung an die Geheimnisse des Lebens bedeutet. Die abschließenden Zeilen betonen die Notwendigkeit, sich selbst mit Liebe zu umarmen, um das Leben in seiner Fülle zu erfahren. Die "buntfarbigen Kleider" und die Verschlingung von Hülle und Geist symbolisieren die Vielfalt der menschlichen Erfahrung und die Einheit von Körper und Seele.

Schlüsselwörter

leben welle stille liebe nimmer eigne kann licht

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Stilmittel

Bildsprache
Doch zeiget der Spiegel im Quelle, So freundlich und helle, Das eigne Gebild;
Metapher
Und Hülle und Geist sich zum Leben verschlingen.
Personifikation
Süße Lieder, Ohne Echo hingeflossen, Kehren nimmer wieder.