Phantasie
1895Wenns wirklich gäb ein jüngst Gericht! Wenn auf flammendem Wagen, mit erzenem Gesicht, die letzte Schlacht zu schlagen Christus zur Erde führ.
Wenn die heilige Schaar all der Jahrtausende, Blumen im weißen, moosigen Haar, für ihre Kinder: die Menschen, zu zeugen, vor ihn träte.
Wenn zu beiden Seiten des Throns wie farblose Mauern, erstarrt in Angst und Schauern die lautlosen Menschenmillionen stünden!
In ihrer Mitte ein schmaler Gang, darauf die gerufene Seele bang hinwandelte vor sein Frageauge? …
Ich hör einen Namen … Wie Halme im Sturm sind plötzlich diese Lahmen. Auf dem schmalen Gang steht ein Weib mit gesenktem Gesicht. »Verteidige dich!« raunts hinter ihm. Es verteidigt sich nicht.
Mit niederhängenden Armen steht es stumm vor dem Richter, und blickt in seiner Augen glimmende Lichter.
Was liegt in diesem Blick? Vielleicht das Bekenntnis: »Herr, zu arm bin ich, um mich verteidigen zu können!« Stille ….. Da fällt ein Tropfen und noch einer, noch einer. Ein Rieseln und Klopfen .. es regnen die Augen all der Millionen …
Die Flut quillt, die Flut schwillt, und von ihr getragen, steigt die Seele der Sünderin bis an die Brust des Richters
Wie ein bebend Vöglein schmiegt sie sich in die Höhle seiner allmachttragenden Schulter. Er aber preßt den Arm an sich, und lächelt …
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Interpretation
Das Gedicht "Phantasie" von Maria Janitschek thematisiert eine apokalyptische Vision des Jüngsten Gerichts. Die Autorin beschreibt eine Szene, in der Christus auf die Erde herabsteigt, um die letzte Schlacht zu schlagen. Eine heilige Schar aus vergangenen Jahrtausenden tritt vor ihn, um für die Menschen zu zeugen. Die Menschen stehen in Angst und Schrecken vor dem Thron Christi, während eine einzelne Seele auf einem schmalen Gang dem Richterauge entgegengeht. Die Szene intensiviert sich, als ein Weib mit gesenktem Gesicht auf dem schmalen Gang steht und sich nicht verteidigt. Es steht stumm vor dem Richter, blickt in seine Augen und gesteht möglicherweise seine Armut und Unfähigkeit, sich zu verteidigen. Die Stille wird durch das Fallen von Tränen gebrochen, die sich zu einer Flut vereinen. Die Sünderin wird von der Flut getragen und steigt bis an die Brust des Richters. Sie schmiegt sich wie ein bebendes Vöglein an ihn und er presst den Arm an sich und lächelt. Das Gedicht vermittelt eine Botschaft der Barmherzigkeit und Vergebung. Es zeigt, dass selbst die Sünderin, die sich nicht verteidigen kann, von Christus angenommen und getröstet wird. Die Tränen der Menschen symbolisieren Mitgefühl und Verständnis für die Schwächen und Fehler der Menschheit. Das Lächeln des Richters am Ende des Gedichts deutet auf eine positive Wendung hin, auf Vergebung und Erlösung. Insgesamt ist das Gedicht eine poetische Darstellung des Jüngsten Gerichts, die die Idee der göttlichen Barmherzigkeit und des Mitgefühls für die Menschheit betont. Es erinnert uns daran, dass selbst in den schlimmsten Situationen Hoffnung und Vergebung möglich sind.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Wie Halme im Sturm
- Metapher
- Wie ein bebend Vöglein
- Personifikation
- erzenem Gesicht
- Symbolik
- die Flut