O Traum der Wüste, Liebe, endlos Sehnen...

Clemens Brentano

1778

O Traum der Wüste, Liebe, endlos Sehnen, Blau überspannt vom Zelte, Stern an Stern; O Wüstenglut voll Tau, o Lieb voll Tränen, Weil sich unendlich Nahes ewig fern.

O Wüstentraum, wo Lieb auf Herzschlag lauschet, Wenn flüchtgen Wildes Huf die Wüste drischt, O Traum, wo der Geliebten Schleier rauschet, Wenn Geierflug im Sandmeer Schlangen fischt.

O Wüstentraum, wo Liebe träumt zu fassen Jetzt Josephs Mantelsaum mit durstger Hand, Da geißelt wach, verhöhnt halb, ganz verlassen Ihr Herz, der Wüste Geißel, glüher Sand.

O Liebe, Wüstentraum der Sehnsuchtspalme, Die blütenlos Gezweig zum Himmel streckt, Bis segnend in des höchsten Liedes Psalme Der Engel sie mit heilgem Fruchtstaub weckt.

O Wüste, Traum der Liebe, die verachtet Vom Haus verstoßen mit der Hagar irrt, Wo schläft der Quell? da Ismael verschmachtet, Bis deine Brust ihm eine Amme wird.

O Wüstentraum der Liebe, die sich sehnet, Steigt nie ein Weiherauch aus dir empor? Geht duftend, auf den Bräutigam gelehnet, Nie meine Seele heil aus dir hervor?

O Wüste, wo das Wort der ewgen Liebe Im unversehrten Dorn vor Moses flammt, Ein Zeugnis, daß die Mutter Jungfrau bliebe, Aus deren Schoß der Sohn der Gottheit stammt.

Lieb′, Wüstentraum, so laut des Rufers Stimme, »Bereit′ den Weg des Herrn!« dir mahnend schallt, Summt in des Löwen Schlund dir doch die Imme, Die Süßes baut im Rachen der Gewalt.

O Durst der Liebe, Wüstentraum, wann spaltet Der Herr den Fels, daß Wasser gibt der Stein, Wann deckt in dir den Tisch, der gütig waltet, Wann sammle ich das Himmelbrot mir ein?

Durst, Liebe, Wüstentraum, dort scheint am Hügel Der Morgenstrahl, ein Hirtenfeuer weiß, Wo Durst gewähnt des Wasserfalles Spiegel Fand Liebe ein Geschiebe Fraueneis.

O Liebe, Wüstentraum des Heimatkranken, Ihr Paradiese, schimmernd in der Luft, Ihr Sehnsuchtsströme, die durch Wiesen ranken, Ihr Palmenhaine, lockend in dem Duft.

O Liebe, Wüstentraumquell, beim Erwachen Rauscht dir kein Quell, es wirbelt glüher Sand, Es saust das Haus der Schlangen und der Drachen Und prasselt nieder an der Felsenwand.

O Wüstentraum, wo Sehnsucht Feuer trinket, Und Liebe angehaucht vom giftgen Smum, Ohn Trost und Hoffnung tot zur Erde sinket; O Tod ohn Liebe, Hoffnung, Ehr und Ruhm!

O Wüstentraum der Lieb! in der Oase Labt dich am Quell, der zwischen Palmen glänzt, Ein schlankes Kind - die Schlange ist′s im Grase, Der Räuber Kundschaft′rin, ein Truggespenst.

O Liebe, Wüstentraum, nach kurzem Gasten Sprengt dich der Räuber gastfrei an mit Hohn: »Mein Brüderchen! entlaste dich zum Fasten, Wo denkest du hinaus, mein lieber Sohn?«

O Liebe, Wüstentraum, du mußt verbluten, Beraubt, verwundet, trifft der Sonne Stich, Der Wüste Speer dich, und in Sandesgluten Begräbt der Wind dich, und Gott findet dich!

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Illustration zu O Traum der Wüste, Liebe, endlos Sehnen...

Interpretation

Das Gedicht "O Traum der Wüste, Liebe, endlos Sehnen..." von Clemens Brentano ist eine lyrische Auseinandersetzung mit der Liebe als einer metaphorischen Wüste. Die Wüste wird hier als ein Ort der Sehnsucht und des Leidens dargestellt, in dem die Liebe auf der Suche nach Erfüllung und Nähe ist. Die Wiederholung des Satzes "O Traum der Wüste, Liebe, endlos Sehnen" am Anfang und Ende jeder Strophe unterstreicht die unerfüllte Natur der Liebe und die endlose Suche nach Erfüllung. Brentano verwendet eine Vielzahl von Bildern und Metaphern, um die Qualität der Liebe in der Wüste zu beschreiben. Die Liebe wird als eine Palme dargestellt, die vergeblich zum Himmel strebt, als eine Hagar, die verstoßen und verlassen ist, und als eine Moses, die auf einen brennenden Dornbusch trifft. Diese Bilder vermitteln ein Gefühl der Isolation, des Verlusts und der Sehnsucht, das die Liebe in der Wüste erlebt. Das Gedicht endet mit einer tragischen Note, in der die Liebe als Opfer der Wüste dargestellt wird. Die Liebe wird "beraubt, verwundet" und von der "Wüste Speer" getroffen, was ihre Verwundbarkeit und ihre Unfähigkeit, in der Wüste zu überleben, verdeutlicht. Trotz der Tragik des Gedichts gibt es jedoch auch einen Hauch von Hoffnung, da die Liebe am Ende "von Gott gefunden" wird, was auf eine mögliche Erlösung oder Erfüllung hindeutet.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Der Wüste Speer dich, und in Sandesgluten
Personifikation
Begräbt der Wind dich, und Gott findet dich