Nicht alle wissen so wie du zu schauen…
Nicht alle wissen so wie du zu schauen
Du Landschaftsmaler bei dem Doktor Faust,
Der du den Hexen Nebelbrücken baust
Durch winterlichen Kirchhofs frostig Grauen
Die Münche ziehn zur Gruft, es scheint zu tauen
Der kahle Baum greift in die Nacht, es saust
Ein kalter Wind, und unterirdisch haust
In Trümmern tief ein Kreuz, und gibt Vertrauen
Zwei Lichter schimmern irre bei der Wahrheit
(Die Totenkreuze starren auf den Hügeln)
Gefroren ist der Atem, den man hauchet
Zu ernst zum fliehen und zu kalt zum knien
(Und oben liegt des Himmels blaue Klarheit)
Du gleichst der Schwalbe, die mit grauen Flügeln
Den Himmel streift, die Brust ins Wasser tauchet
Warum willst du denn nimmer mit ihr ziehen.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Nicht alle wissen so wie du zu schauen…“ von Clemens Brentano ist eine lyrische Hommage an einen Landschaftsmaler, vermutlich im Kontext des Faust-Mythos, und eine Reflexion über die Wahrnehmung von Schönheit und die Vergänglichkeit des Lebens. Brentano beschreibt eine düstere, winterliche Szenerie, die durch ihre detaillierten Bilder und die melancholische Stimmung eine tiefe emotionale Resonanz erzeugt. Die Erwähnung des „Doktor Faust“ deutet auf eine Auseinandersetzung mit Themen wie Wissen, Verführung und dem Überschreiten menschlicher Grenzen hin, die in der Faust-Legende zentral sind.
Das Gedicht beginnt mit einer direkten Anrede an den Maler, dessen Fähigkeit, die Welt zu sehen und darzustellen, hervorgehoben wird. Die Beschreibung der Landschaft ist geprägt von Kontrasten: das „frostig Grauen“ des winterlichen Friedhofs steht dem „Vertrauen“ gegenüber, das ein Kreuz in den Trümmern gibt. Die „Hexen Nebelbrücken“ weisen auf eine Welt der Magie und des Übernatürlichen hin, die im Faust-Kontext eine besondere Bedeutung hat. Die Bilder von Mönchen, kahlen Bäumen und einem kalten Wind verstärken die beklemmende Atmosphäre. Die zwei „Lichter“ und die „Totenkreuze“ suggerieren eine Verbindung zur Wahrheit und zur Endlichkeit des Lebens.
Der zweite Teil des Gedichts wechselt die Perspektive und wendet sich an den Maler selbst. Die Metapher der Schwalbe, die mit „grauen Flügeln“ den Himmel streift, deutet auf eine Sehnsucht nach Freiheit und Schönheit hin, die jedoch durch die winterliche Kälte und die Vergänglichkeit der Welt getrübt wird. Die Frage, warum der Maler nicht mit der Schwalbe ziehen will, ist ein zentrales Element des Gedichts und wirft die Frage nach der Wahl zwischen der dunklen, oft trostlosen Realität und der Sehnsucht nach einer höheren, idealeren Welt auf. Der Kontrast zwischen der „blauen Klarheit“ des Himmels und der winterlichen Landschaft unterstreicht diese Ambivalenz.
Insgesamt ist das Gedicht eine tiefgründige Betrachtung über die Wahrnehmung von Schönheit, die Vergänglichkeit und die menschliche Suche nach Sinn. Brentano verbindet die düstere Atmosphäre des winterlichen Friedhofs mit der Sehnsucht nach einer besseren Welt, repräsentiert durch die Schwalbe und den blauen Himmel. Durch die Anrede an den Maler und die Verwendung von Bildern, die an die Faust-Thematik erinnern, schafft er eine vielschichtige Reflexion über die menschliche Existenz und die Rolle des Künstlers in der Welt.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.