Nachklänge Beethovenscher Musik

Clemens Brentano

1734

Einsamkeit, du Geisterbronnen, Mutter aller heilgen Quellen, Zauberspiegel innrer Sonnen, Die berauschet überschwellen, Seit ich durft in deine Wonnen Das betrübte Leben stellen, Seit du ganz mich überronnen Mit den dunklen Wunderwellen, Hab zu tönen ich begonnen, Und nun klingen all die hellen Sternenchöre meiner Seele, Deren Takt ein Gott mir zähle, Alle Sonnen meines Herzens, Die Planeten meiner Lust, Die Kometen meines Schmerzens, Klingen hoch in meiner Brust. In dem Monde meiner Wehmut, Alles Glanzes unbewußt, Kann ich singen und in Demut Vor den Schätzen meines Innern, Vor der Armut meines Lebens, Vor der Allmacht meines Strebens Dein, o Ewger, mich erinnern! Alles andre ist vergebens.

Gott, dein Himmel faßt mich in den Haaren, Deine Erde zieht mich in die Hölle, Gott, wie soll ich doch mein Herz bewahren, Daß ich deine Schätze sicher stelle, Also fleht der Sänger und es fließen Seine Klagen hin wie Feuerbronnen, Die mit weiten Meeren ihn umschließen; Doch in Mitten hat er Grund gewonnen, Und er wächst zum rätselvollen Riesen. Memnons Bild, des Aufgangs erste Sonnen, Ihre Strahlen dir zur Stirne schießen, Klänge, die die alte Nacht ersonnen Tönest du, den jüngsten Tag zu grüßen: Auserwählt sind wen′ge, doch berufen Alle, die da hören, an die Stufen. -

Selig, wer ohne Sinne Schwebt, wie ein Geist auf dem Wasser, Nicht wie ein Schiff - die Flaggen Wechslend der Zeit, und Segel Blähend, wie heute der Wind weht, Nein ohne Sinne, dem Gott gleich, Selbst sich nur wissend und dichtend Schafft er die Welt, die er selbst ist, Und es sündigt der Mensch drauf, Und es war nicht sein Wille! Aber geteilet ist alles. Keinem ward alles, denn jedes Hat einen Herrn, nur der Herr nicht; Einsam ist er und dient nicht, So auch der Sänger!

Nichts weiß ich von dir, o Wellington, Aber die Welle Tönt deinen Namen so britisch. Kleinod der Erde, England Eiland, vom Meere gegürtet Jungfräulich, Arche auf grünenden Hügeln ruhend, der Sündflut Bist du entrücket, dich lieb ich, Nicht um handelbequeme Gestalt in mancher Vollendung, Nein um dich nur, denn heilig Sind wohl die Inseln. Die Sterne Gürtet umsonst nicht das Blau, Und die sehenden Augen, Wunderinseln des Lichtes, Schwimmen umsonst nicht im Glanz; Was umarmt ist, ist Tempel, Freistatt des Geistes, der die Welt trägt. Wer möchte sonst leben?

Wer hat die Schlacht geschlagen, Wer hat die Schlacht getönt, Wer hat den Sichelwagen, Der über das Blutfeld dröhnt, Harmonisch hinübergetragen, Daß sich der Schmerz versöhnt? Wen hat in heißen Tagen Ein solcher Kranz gekrönt, Wer darf so herrlich ragen, Von Sieg und Kunst verschönt. Wellington in Tones Welle Woget und wallet die Schlacht, Wie eines Vulkanes Helle, Durch die heilige Sternennacht. Er spannt dir das Roß aus dem Wagen, Und zieht dich mit Wunderakkorden Durch ewig tönende Pforten. Triumph, auf Klängen getragen! Wellington, Viktoria! Beethoven, Gloria!

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Interpretation

Das Gedicht "Nachklänge Beethovenscher Musik" von Clemens Brentano ist eine Hymne auf die transformative Kraft der Musik Beethovens. In fünf Strophen erkundet Brentano die spirituellen und emotionalen Auswirkungen von Beethovens Kompositionen. Die erste Strophe beschreibt die Einsamkeit als eine Quelle der Inspiration und Kreativität. Brentano vergleicht sie mit einem "Geisterbrunnen" und einer "Zauberspiegel innrer Sonnen". In der Einsamkeit findet der Dichter die Inspiration, um die "Sternenchöre seiner Seele" erklingen zu lassen. Die Musik Beethovens wird als ein göttliches Geschenk dargestellt, das den Dichter in einen Zustand der Ekstase versetzt. Die zweite Strophe thematisiert den Konflikt zwischen dem Göttlichen und dem Irdischen. Der Dichter fleht Gott an, sein Herz zu bewahren, damit er die "Schätze" der Musik sicher bewahren kann. Trotz der "Klagen" und "Feuerbronnen" der Welt findet der Dichter in der Musik einen "Grund" und wächst zu einem "rätselvollen Riesen" heran. Die Musik wird als eine Brücke zwischen der "alten Nacht" und dem "jüngsten Tag" dargestellt. Die dritte Strophe preist diejenigen, die "ohne Sinne" schweben und wie Gott selbst die Welt erschaffen. Der Dichter vergleicht sich selbst mit einem Sänger, der die Welt erschafft und von den Menschen "gesündigt" wird. Die Welt ist geteilt und jeder hat seinen eigenen Herrn, nur der Sänger ist einsam und dient niemandem. Die vierte Strophe ist eine Ode an England und seinen Helden Wellington. Brentano bewundert die Insel als ein "Eiland" und eine "Arche", die von der "Sündflut" verschont geblieben ist. Er vergleicht England mit einem "Tempel" und einer "Freistatt des Geistes". Der Dichter liebt England nicht wegen seiner "handelbequemen Gestalt", sondern wegen seiner "heiligen" Natur. Die fünfte und letzte Strophe feiert den Triumph Beethovens und Wellingtons. Die Musik wird als ein "Sichelwagen" dargestellt, der über das "Blutfeld" der Schlacht fährt und den "Schmerz versöhnt". Wellington wird als ein Held dargestellt, der von der "Töne Welle" getragen wird und durch die "heilige Sternennacht" fährt. Die Musik Beethovens wird als ein "Triumph" dargestellt, der auf "Klängen getragen" wird.

Schlüsselwörter

gott sonnen wellington schlacht seit leben klingen alle

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Stilmittel

Anapher
Wer hat die Schlacht geschlagen, Wer hat die Schlacht getönt, Wer hat den Sichelwagen
Hyperbel
Alle Sonnen meines Herzens, Die Planeten meiner Lust, Die Kometen meines Schmerzens, Klingen hoch in meiner Brust
Metapher
Triumph, auf Klängen getragen
Personifikation
Seit du ganz mich überronnen Mit den dunklen Wunderwellen