Nimm hin den Faden durch das Labyrinth...
1778Nimm hin den Faden durch das Labyrinth, Das schrecklicher als jenes alte ist, In dessen ausweglosem Pfadgewind Ein scheußlich Ungeheu′r den Wandrer frißt, Denn hier mein Freund! schreckt dich kein greulich Tier, Hier trägt der Drache menschliche Gestalt; Hier ist die Schlange Weib, der Teufel Kavalier; Hier tut dir Glanz und Tanz und Farb′ und Duft Gewalt, Hier ist die Sitte Kuppler, Freundschaft Seelverkäufer; Die Treu Falschmünzer und die Unschuld Werber; Der Busenfreund Spion, die Ehre Überläufer; Die Lilie trägt am Hut hier der Verderber, Mit Rosen deckt sich hier schamlose Schande, Von Veilchen duftet hier die feile Pest. Der sichre Weg streift hier am Höllenrande Und überm Abgrund schwebet hier der Tugend Nest. Du wagst dich hin! Gott stärke dich zum Helden Und mach′ für Sünd dich taub und blind und lahm; Auf daß dies Blatt er möge Lügen schelten, Wenn besser er hinwegzieht als er kam.
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Interpretation
Das Gedicht "Nimm hin den Faden durch das Labyrinth" von Clemens Brentano ist eine Warnung vor den Gefahren des Lebens und den Versuchungen, denen man begegnen kann. Der Autor vergleicht das Leben mit einem Labyrinth, das noch schrecklicher ist als das berühmte Labyrinth des Minotaurus. In diesem Labyrinth lauern keine Monster, sondern Menschen, die in verschiedenen Gestalten auftreten und versuchen, den Wanderer zu verführen oder zu täuschen. Brentano beschreibt, wie die Sitten und Bräuche, die Freundschaft und die Treue zu Fallen werden können, die den Menschen von seinem Weg abbringen. Er warnt vor den Versuchungen des Glanzes, des Tanzes, der Farben und Düfte, die den Wanderer in die Irre führen können. Die Unschuld wird als Werber dargestellt, der den Wanderer in die Irre führt, während die Treue als Falschmünzer auftritt. Der Busenfreund wird als Spion dargestellt, der den Wanderer verrät, und die Ehre als Überläufer, der den Wanderer im Stich lässt. Das Gedicht endet mit einem Appell an Gott, den Wanderer zu stärken und ihn taub, blind und lahm für die Sünden zu machen, damit er den rechten Weg gehen kann. Der Autor hofft, dass der Wanderer, wenn er das Labyrinth durchquert hat, besser ist als zuvor und dass er das Gedicht Lügen strafen kann.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- und mach' für Sünd dich taub und blind und lahm
- Apostrophe
- Du wagst dich hin! Gott stärke dich zum Helden
- Hyperbel
- Ein scheußlich Ungeheu'r den Wandrer frißt
- Metapher
- überm Abgrund schwebet hier der Tugend Nest
- Personifikation
- Hier ist die Sitte Kuppler, Freundschaft Seelverkäufer
- Vergleich
- Das schrecklicher als jenes alte ist