Dürstest du nach ewger Liebe
Dürstest du nach ewger Liebe,
Oh, so flehe nicht zum Herrn,
Denn in deines Herzens Kern
Steht die Quelle,
Und darüber steht ein Stern,
Er wird dich mit seiner Helle
Immer tief zum Guten rühren
Und zur Quelle würdig führen.
Da magst du den Durst erquicken,
Und wirst du im Niederblicken
Gottes Bild im Wasserspiegel
Mit dir, in dir spiegeln sehn,
Grüß ihn stille.
Ewig wirst du dann am Spiegel
Ewig, ewig blühend stehn.
Also ist des Herren Wille.
Wenn du fromme Sitte übest,
Dich mit Zucht und Tugend kränzest
Und den Spiegel nimmer trübest,
Sieh dann! wie du selig glänzest,
Und wird er dich wieder grüßen,
Wirst du ganz von Wonne schwer
Dich wie keusche Blumen bücken,
Alles Liebe in dich schließen,
Und es wird der Herr dich pflücken
Und des Brunnens irdsches Siegel
Brechen, daß ein weites Meer
Wird die Quelle, himmelsspiegel.
Sonne, Mond und alle Sterne
Stehn dann über dir so klar,
Und das Nahe und das Ferne
Wird dir eigen, wird dir wahr.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Dürstest du nach ewger Liebe“ von Clemens Brentano ist eine spirituelle Anweisung, ein Wegweiser zur inneren Einkehr und zur Erlangung ewiger Liebe. Es handelt nicht von einer Suche nach Liebe außerhalb der eigenen Person, sondern zeigt einen Weg auf, wie man diese Liebe in sich selbst finden und kultivieren kann. Die zentrale Metapher ist die der Quelle im eigenen Herzen, in der sich das Bild Gottes spiegelt.
Brentano betont, dass die Quelle der ewigen Liebe im Inneren des Menschen zu finden ist. Der Stern, der über der Quelle steht, symbolisiert eine leitende Kraft, die den Menschen zu Gutem anregt und ihn dazu befähigt, sich selbst zu reflektieren und in der Quelle das Bild Gottes zu erkennen. Dies erfordert eine innere Arbeit, eine Auseinandersetzung mit der eigenen Seele. Die „fromme Sitte“, „Zucht und Tugend“ dienen als Werkzeuge, um den Spiegel des Herzens rein zu halten und die Reflexion Gottes nicht zu trüben.
Der zweite Teil des Gedichts beschreibt die Folge, wenn man diesen Weg beschreitet und seine inneren Werte pflegt. Der Dichter malt das Bild einer Glückseligkeit und Erleuchtung. Die Seele des Menschen leuchtet in diesem Zustand und wird mit Liebe erfüllt. Der Herr wird den Menschen „pflücken“, was metaphorisch für die Aufnahme in eine höhere, göttliche Sphäre steht. Die „Quelle“ wird zum „weiten Meer“ und der Mensch erfährt eine umfassende Einheit mit dem Kosmos. Sonne, Mond und Sterne werden dem Menschen in ihrer Klarheit offenbart, und die Welt, das Nahe und das Ferne, wird ihm zu eigen.
Die Sprache des Gedichts ist von einer tiefen Spiritualität geprägt. Brentano bedient sich bildhafter Sprache, um abstrakte Konzepte zu vermitteln. Die Verwendung von Begriffen wie „Quelle“, „Stern“, „Spiegel“, „Gottes Bild“, „Meer“ und „Sonne“ schafft eine Atmosphäre der Kontemplation und der inneren Einkehr. Das Gedicht ist eine Einladung, sich auf eine spirituelle Reise zu begeben, die zur Selbsterkenntnis und zur Vereinigung mit dem Göttlichen führt. Es ist ein Plädoyer für die innere Arbeit und die Entwicklung von Tugenden als Weg zur ewigen Liebe.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.