Vorfrühling 1923
Heute fing ich – Krieg ist Krieg – eine Maus in der Schlinge.
Frühlingswolken flattern rosig im Winde.
Emma schrieb mir von unserm gemeinsamen Kinde,
Daß es schon in die Schule ginge,
Daß – wie erhebend! – ein Einser Fritzchens Zensur im Rechnen ziere,
Weil er patriotisch (nebenbei gesagt: als einziger der Klasse,
Der Idiot…) Ã la hausse der Mark spekuliere…
Heute begegnete ich den ersten Staren.
Zum ersten Mal bin ich auch mit der Nord-Süd-Bahn gefahren.
Ich bildete mir ein, vom Nord- zum Südpol zu rasen.
Am Wedding sah ich Eskimos mit Tran handeln,
Pinguine durch die Chaussee-Straße wandeln,
Und am Halleschen Tor hörte ich die Kaurineger im Jandorfkraal zum Kampfe blasen.
Nur immer Mut! Die Front an der Ruhr steht fest.
Die Kohlen werden von Tag zu Tag billiger.
Die Nächte kürzer. Die Gesichter länger. Die Frauen williger.
Und wenn nicht alles täuscht (es rüsten Russen und Polen,
Rumänen, Ungarn, Jugoslawen und Mongolen):
So wird uns spätestens mit den ersten Schoten
Der unwiderruflich letzte Krieg geboten.
Immer ran! Das darf keiner versäumen! Rassenkampf! Klassenkampf!
Wer geht mit? (Ich passe
Und offeriere für Kriegsberichterstatter fünftausend ungedruckte Stimmungsbilder
aus dem vorletzten Weltkrieg, sofort greifbar gegen Kasse.)
Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Vorfrühling 1923“ von Klabund ist eine bitterböse Satire auf die Nachkriegszeit und die damit einhergehenden gesellschaftlichen Verwerfungen. Es zeichnet ein Bild von Hoffnungslosigkeit, Zynismus und dem Gefühl der ständigen Bedrohung, das die Menschen in dieser Zeit prägte. Der Titel „Vorfrühling“ suggeriert zunächst Aufbruch und Neubeginn, doch das Gedicht entlarvt diese Erwartung als Illusion.
In der ersten Strophe werden scheinbar banale Alltagseindrücke mit beunruhigenden Beobachtungen kontrastiert. Das Fangen einer Maus in einer Schlinge, eine grausame Metapher für die allgemeine Not, steht neben der idyllischen Beschreibung von Frühlingswolken. Die Nachricht von Emmas Kind, das in die Schule geht und „patriotisch“ an der Inflation spekuliert, offenbart die Verrohung der Gesellschaft, in der Kinder frühzeitig in die Welt der Spekulation hineingezogen werden. Der Hinweis auf Fritzchens Einser-Zensur, ironisch als „erhebend“ bezeichnet, wird vom Autor durch die Klammerbemerkung „als einziger der Klasse, Der Idiot…“ konterkariert, was die Absurdität der Situation verdeutlicht. Die Erwähnung der ersten Stare, der Fahrt mit der Nord-Süd-Bahn und der imaginären Begegnung mit Eskimos und Pinguinen, die im Zusammenhang mit dem Halleschen Tor und den „Kaurinegern“ stehen, erzeugt eine surreale Atmosphäre, die die Zerrissenheit und den Wahnsinn der Zeit widerspiegelt.
Die zweite Strophe steigert diese Zerrissenheit noch. Der Sprecher blickt in eine düstere Zukunft, in der Krieg allgegenwärtig zu sein scheint. Die vermeintlich guten Nachrichten – die „Front an der Ruhr steht fest“, die sinkenden Kohlepreise – werden von einer bedrückenden Beschreibung der gesellschaftlichen Zustände überlagert: „Die Nächte kürzer. Die Gesichter länger. Die Frauen williger.“ Diese Sätze sind von bitterem Zynismus geprägt und lassen auf eine Entfremdung und ein Gefühl der Leere schließen. Die drohende neue Eskalation mit der Andeutung eines bevorstehenden Kriegs und dem Aufmarsch verschiedener Nationen, lässt jegliche Hoffnung auf Frieden schwinden und kulminiert in der Aussage, dass „Der unwiderruflich letzte Krieg geboten“ wird.
Die abschließende Strophe ist eine direkte Aufforderung zum Krieg, jedoch mit einer deutlich ironischen Note. Der Aufruf zum „Rassenkampf! Klassenkampf!“ wird sofort durch die distanzierte Haltung des Sprechers unterbrochen, der sich dem Krieg verweigert und stattdessen anbietet, „ungedruckte Stimmungsbilder aus dem vorletzten Weltkrieg“ zu verkaufen. Dies ist ein Ausdruck von Zynismus und Verzweiflung. Der Sprecher entzieht sich der direkten Teilnahme und nutzt stattdessen das Leid und die Erfahrung des Krieges, um persönlichen Gewinn zu erzielen. Dies unterstreicht die Dekadenz und moralische Zerrüttung der Gesellschaft. Klabunds Gedicht ist somit eine erschreckende, aber treffende Analyse der Nachkriegszeit, die die Zerrissenheit der Menschen und die drohende Gefahr eines erneuten Krieges eindrücklich darstellt.
Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.
Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.